Die Herausforderung des Flüchtlingsstroms

Im Konflikt zwischen Neptun und Uranus

Als 1990 die Mauer fiel und die DDR zu Westdeutschland kam, gehörte ich zu denjenigen Menschen, die hofften, daß sich daraus ein neues Deutschland entwickeln würde, das die Vorteile beider Systeme in sich vereinigte. Meine Vision, die ich mit vielen teilte, war: Ein Dritter Weg zwischen real existierendem Sozialismus und real existierendem Kapitalismus. Es kam aber ganz anders. Wir wissen inzwischen, wie sich die Dinge entwickelt haben: Die DDR wurde von Westdeutschland vereinnahmt und abgewickelt und – schlimmer noch – die Soziale Marktwirtschaft, die in Westdeutschland nach dem 2. Weltkrieg langsam aufgebaut worden war, wurde in ihrer Substanz angegriffen und Schritt für Schritt zerstört. Es triumphierte der Neoliberalismus mit seiner rücksichtslosen Marktgläubigkeit.

Nun haben wir eine neue Situation: Zu uns kommen Flüchtlinge, deren Zahl jährlich die Millionengrenze erreichen könnte, und es heißt, diese Herausforderung würde die Herausforderung der Wiedervereinigung noch übertreffen. Was ist in diesem Zusammenhang von dem Wort der Kanzlerin zu halten, die ebenso verschwommen wie schlicht sagte: "Wir schaffen das!"?

Angela Merkel ist nicht dafür bekannt, im politischen Alltag besonders viel Mitgefühl zu zeigen. In der Griechenlandkrise hat sie 5 Jahre lang zugesehen, wie dieses Land in Armut versank und gleichzeitig noch Hunderttausende von Flüchtlingen aufnehmen mußte. Sie hat sich auch geweigert, Italien zu unterstützen, als dieses Land mit den Flüchtlingen, die über das Mittelmeer kamen, nicht mehr fertig wurde. Der italienische Ministerpräsident Matteo Renzi war empört über die Nicht-Solidarität der Deutschen und der anderen Europäer, und es fielen seine Worte: "Ihr seid keine Europäer!" Angela Merkel hat das nicht erschüttert. Und jetzt auf einmal diese Veränderung?

Journalisten rätseln darüber, was die Bundeskanzlerin wohl bewogen haben könnte, ihre sprichwörtliche Zurückhaltung aufzugeben und eine humanitäre Initiative zu ergreifen. War das vielleicht ein besonders raffinierter Schachzug ihrer Politik? Oder hat sie nur die Selbstkontrolle verloren und mit ihr sind plötzlich die Emotionen durchgegangen? Die Flüchtlinge in Ungarn riefen: "Mother Merkel help us!" Hat dieser Appell ihr Mitgefühl geweckt? Es gibt weitere äußere Gründe, die das veränderte Verhalten der Kanzlerin vielleicht erklärbar machen: ihre unbeholfene Begegnung mit dem weinenden Flüchtlingskind Reem Sahwil bei einem Bürgerdialog in Rostock kurz zuvor und dann der Besuch im sächsischen Aufnahmelager Heidenau mit den rechten Sprechchören: "Volksverräterin, Volksverräterin!" Wir wissen, daß Angela Merkel auf faschistische bzw. fremdenfeindliche Äußerungen sehr empfindlich reagieren kann.

Das mag alles die Bundeskanzlerin dünnhäutiger oder auch empathischer gemacht haben. Um diese Frage aber genauer zu beantworten, lohnt sich ein Blick in ihr Horoskop: Die entscheidende Konstellation ist hier das exakte Quadrat zwischen Uranus/Sonne im Krebs und Neptun am MC im Waage-Zeichen, verstärkt durch die Aspekte zu Pluto. Neptun symbolisiert die Betroffenheit und Uranus die Erregung. Menschen, die eine solche direkte Spannung zwischen der neptunischen und der uranischen Energie haben, sind entweder sehr ambivalent und unberechenbar in ihrem Verhalten (oft haben sie einen künstlerischen Beruf) oder sie gehen ihrer Emotionalität konsequent aus dem Weg. Sie zeigen dann ein betont sachliches und sich selbst kontrollierendes Verhalten bis hin zu einer stoischen Unberührbarkeit. Angela Merkel ist genau dafür bekannt und sie wird gerade für diesen ihren unprätentiösen und abwartenden Politikstil vom Wahlvolk sehr geschätzt.

Nun gibt es aber auch die aktuellen Energien, die sogenannten Transite, die bestimmte Seiten im Geburtshoroskop anstoßen und damit das Verhalten der HE verändern können. Entscheidend sind hier vor allem die Langsamläufer von Jupiter bis Pluto mit ihren Aspekten. Angela Merkel hat zur Zeit sehr bemerkenswerte Transite. Der wichtigste ist der des aktuellen Neptun.

Transite am 4. September 2015. Die Zeit der Entscheidung der Kanzlerin ist mir nicht bekannt. Plausibel wäre eine Stellung des Transit-Mondes mit Quadrat zur Radix-Venus / Konjunktion Transit-Jupiter (ungefähr 22.00 Uhr).

merkel transite

Neptun steht zur Zeit rückläufig in den Fischen und bildet ein ganz genaues Anderthalbquadrat sowohl zur Konjunktion von Uranus/Sonne als auch zum Neptun am MC im Geburtshoroskop der Bundeskanzlerin. Anderthalbquadrate sind stark wirkende Spannungsaspekte und sie treffen hier auf die schwierige Radix-Quadratur von Uranus zu Neptun. Damit könnte die distanzierte Zurückhaltung der HE durch neptunische Betroffenheit erschüttert werden und genau das scheint offensichtlich passiert zu sein. Zur Überraschung der Öffentlichkeit und wohl auch vieler Parteifreunde ging die Bundeskanzlerin plötzlich emotional in die Offensive. Zu diesem Verhalten wird auch der aktuelle Jupiter mit Konjunktion auf die Radix-Venus (Politik) beigetragen haben. In Verbindung mit dem Transit-Uranus (Anderthalbquadrat) und - eventuell - dem Transit-Mond (Quadrat) deutet diese Konstellation allerdings auch auf eine gewisse Sorglosigkeit hin.

Der wichtigste Aspekt bleibt jedoch der des Transit-Neptun auf den Radix-Neptun und den Radix-Uranus. Er erhält noch eine besondere Verstärkung durch das exakte Anderthalbquadrat zwischen der Transit-Lilith (Mond, Uranus, Pluto) und dem Radix-Priapus (Mond, Neptun, Pluto). Eine solche Konstellation ist sehr ungewöhnlich und kann den HE zu einer gewissen Verrücktheit verleiten. Da durch den Neptun-Transit gleichzeitig die schwierige Radix-Quadratur von Sonne/Uranus zu Nepun/MC aktiviert wird, wäre es denkbar, daß die Kanzlerin auch aus einem latenten Größenwahn gehandelt hat, worauf z.B. ihre forschen Worte "Wir schaffen das!" hinweisen. Die Stellung des Transit-Uranus im Widder an der IC-Achse (Mond-Energie) verweist dagegen auf heftigste Auseinandersetzungen innerhalb der Partei und im Wahlvolk (Krebs), die die Beliebtheit von Angela Merkel erschüttern könnten (Anderthalbquadrat zur Radix-Venus).

Problematisch sind vor allem die Verbindungen von Neptun bzw. Priapus mit dem Saturn-Prinzip (MC). Auch der Transit-Saturn befindet sich im 12. Haus. Diese Konstellationen verweisen auf eine Problematik, die bereits im Grundhoroskop der Kanzlerin (Radixstellung Chiron mit Quadrat zu Neptun am MC) auffällig ist: Die Bundeskanzlerin kann nicht planvoll strategisch denken und ging diesem Problem in der Vergangenheit deshalb auch tunlichst aus dem Weg, indem sie immer vorsichtig abwartete, bis abzusehen war, wie sich die Stimmung (Krebs) im Lande entwickelte. Erst dann hat sie sich entschieden. Nun hat sie sich in der Flüchtlingsfrage dieses eine Mal anders verhalten: Sie ist emotional unüberlegt (Transite von Neptun und Jupiter) vorangegangen, hat das Dublin-System und die Schengen-Regeln eigenmächtig außer Kraft gesetzt (Verbindung von Saturn bzw. MC mit dem Fische-Prinzip), ohne sich zuvor mit den Bundesländern und den europäischen Partnerstaaten abzustimmen, und hat prompt ein Chaos (Radixstellung Uranus Quadrat Neptun) angerichtet, über das sich ihre Parteifreunde vor allem in der CSU die Haare raufen. Diese setzen jetzt alles daran, besonders durch Initiativen des bayrischen Ministerpräsidenten Seehofer, die aus dem Ruder gelaufene Situation wieder unter Kontrolle zu bringen.

Ich halte die am 4. September 2015 gezeigte Betroffenheit von Angela Merkel nach der Transitlage durchaus für echt und menschlich gesehen auch für begrüßenswert. Die Bundeskanzlerin trat mit idealistischer Attitüde vor die Öffentlichkeit und manche Journalisten erklärten sich dieses Verhalten mit ihrer Herkunft aus einem protestantischen Pfarrhaus. Staatsmännisch darf allerdings so nicht gehandelt werden.

(siehe mein Artikel Politik und Religion)

Vielleicht haben sich aber in diese Betroffenheit der Bundeskanzlerin auch berechnende Überlegungen gemischt. Zur Zeit der "Willkommenskultur" wurden geradezu euphorisch von Angela Merkel und der deutschen Wirtschaft Erwartungen formuliert, daß die überwiegend jungen und männlichen Flüchtlinge für Deutschland eine große Chance bedeuten. Es hieß, sie könnten in absehbarer Zeit die Facharbeiterlücke schließen. Von einer solchen Chance spricht heute - nach einem halben Jahr - niemand mehr.

Angela Merkel hat in ihrem Horoskop einen Schütze-Aszendenten, der in ihrem Verhalten nicht ins Auge fällt. Er wird durch die Saturn-Lilith-Konjunktion im Skorpion, die zum Aszendenten ein Halbquadrat bildet, vollkommen ausgebremst. Diese geradezu zwangshafte Selbstkontrolle über ihren Aszendenten hat die Kanzlerin am 4. September verloren, indem sie - unter dem Einfluß neptunischer Energien - die Grenzen für die Flüchtlinge aus Ungarn geöffnet hat. Hierfür werden wohl die meisten Deutschen ein gewisses Verständnis haben. Der eigentliche Skandal ist, daß sie die Grenzen nicht wieder schließen ließ, als absehbar geworden war, daß sich eine Art Völkerwanderung auf Deutschland zubewegte. Wir wissen inzwischen aus dem Buch von Robin Alexander "Die Getriebenen", daß bereits am 12. September alles für eine Schließung der deutschen Grenze vorbereitet war. Es fehlte nur die Zustimmung der Bundesregierung. Die hat Angela Merkel nicht gegeben, weil ihr niemand zusichern wollte, daß es keine unschönen Bilder geben werde. Sie wollte offenbar nicht ihre Beliebtheit als "Kanzlerin der Menschlichkeit", als "Mutter Angela der Flüchtlinge" opfern.

Nun ist es letztlich nicht wichtig, aus welchen Beweggründen die Kanzlerin gehandelt hat. Die Flüchtlinge sind da, und es werden ständig mehr werden. Deutschland hat damit seine zweite große Herausforderung nach der Wiedervereinigung. Die entscheidende Frage ist jetzt, ob diese Herausforderung sich zum Guten hin entwickeln kann oder ob sie zu einer ähnlichen sozialen Enttäuschung wird wie die Eingliederung der ehemaligen DDR in die Bundesrepublik.

Die Lage ist dabei alles andere als einfach. Unser Land ist nämlich keineswegs in einer so guten Verfassung, wie es die Regierung aus propagandistischen Gründen der Bevölkerung ständig erzählt. Die neoliberale Revolution, manche sprechen geradezu von einem Staatsstreich, hat Deutschland (und Europa) tief gespalten. Wir sind ein Hartz IV-Land geworden mit einem riesigen Niedriglohnsektor, mit prekärer Beschäftigung, mit etwa einer Million Vollzeitbeschäftigter, die ihren Lohn mit Hartz IV aufstocken, mit einer realistisch gerechneten Arbeitslosigkeit von etwa 5 Millionen Menschen, mit etwa 2 Millionen Kindern, die in bitterer Armut leben, mit einer zunehmenden Altersarmut der Rentner und mit Hunterttausenden von fehlenden Sozialwohnungen. Kurz, mindestens ein Drittel der deutschen Bevölkerung lebt in schlechten Verhältnissen und ist gesellschaftlich abgehängt.

Hinzu kommt als weiteres soziales Problem ein gewisser Erziehungsmangel der jungen Generation. Dieses Problem hängt mit der Emanzipation der Frauen zusammen, die weitgehend auf Kosten der Kinder erfolgt ist. Praktisch bedeutet das, daß Verhaltensmuster, von denen wir befürchten, daß sie durch die Flüchtlinge nach Deutschland gebracht werden, nämlich Respektlosigkeit gegenüber Gesetzen und Regeln, machohaftes Verhalten gegenüber Frauen usw. bereits in unserer eigenen Gesellschaft vorhanden sind. Wer das nicht glaubt, muß sich nur über Diebstahlsdelikte und sexuelle Übergriffe beim Münchener Oktoberfest oder beim Kölner Karneval informieren oder - schlimmer noch - er muß sich die gewalttätigen Exzesse bei Demonstrationen ansehen. Unter Belastung wird sich zeigen, daß viele deutsche junge Erwachsene nicht bereit und auch nicht fähig sein werden, Frustrationen zu ertragen. Ihr Verhalten wird dann vermutlich in Rücksichtslosigkeit und Aggressivität umschlagen.

Ein solches Land ist Deutschland, einmal nüchtern betrachtet. Und in dieses Land kommen jetzt, innerhalb kurzer Zeit, Hunderttausende, vielleicht sogar Millionen von Flüchtlingen aus ganz verschiedenen Ländern, mit ganz verschiedenen Kulturen, teilweise hochtraumatisiert und für unseren Arbeitsmarkt nur sehr eingeschränkt vorbereitet. Sie sprechen unsere Sprache nicht und haben auch noch eine uns fremde Kultur. Vor allem die islamische Religion wird als Problem von den Politikern völlig unterschätzt. Wie soll die Integration unter diesen Umständen funktionieren?

Das ist eine Herausforderung, die mit den Problemen der deutschen Wiedervereinigung überhaupt nicht zu vergleichen ist. Sie ist auch nicht vergleichbar mit der Eingliederung der Millionen Heimatvertriebenen nach dem 2. Weltkrieg aus den ehemals deutschen Ostgebieten. Sie ist ungleich schwieriger. Ist es nicht völlig naiv und blauäugig, wenn die Bundeskanzlerin in dieser Situation gesagt hat: "Wir schaffen das!"?

Niemand weiß, wie die Entwicklung gehen wird. Grundsätzlich sind zwei Szenarien denkbar:

Durch ganz Deutschland geht ein Ruck hin zu Solidarität und Gerechtigkeit. Das Engagement auch der ehrenamtlichen Helfer hält weiterhin an und die Politiker finden einen Weg, das Chaos zu ordnen. Die gewaltigen Kosten für die Integration werden durch ein Gesetz zum Lastenausgleich den Bessergestellten und Vermögenden auferlegt, wie seinerzeit nach dem 2. Weltkrieg, als Millionen Vertriebene aus den ehemaligen deutschen Ostgebieten integriert werden mußten. Die Flüchtlinge lernen so schnell wie möglich die deutsche Sprache, machen eine Ausbildung und finden einen Platz im Arbeitsleben. Sie fügen sich in unsere demokratisch verfaßte Kultur ein und relativieren entsprechend die islamische Religion. Das wäre die Wunschoption.

Das andere Szenario könnte folgendermaßen aussehen: Der Flüchtlingsstrom hält ungebremst an. Die anderen Länder Europas lassen Deutschland mit dem Problem allein, genau so, wie es Deutschland zuvor mit Griechenland und Italien gemacht hat. Die Kommunen sehen sich nicht mehr in der Lage, die Flüchtlinge geordnet unterzubringen. Integrationsmaßnahmen scheitern am Personal und am Geld. Die Flüchtlinge, die keine Perspektive für sich sehen, wenden sich gegen die deutsche Bevölkerung. Es kommt verstärkt zu kriminellen Handlungen. Auf der anderen Seite kippt die anfängliche Hilfsbereitschaft der deutschen Bevölkerung in Richtung Ablehnung. Eine nationalistische und fremdenfeindliche Stimmung nimmt zu. Unterkünfte von Flüchtlingen werden angegriffen. Die Polizei sieht sich nicht mehr in der Lage, den Schutz überall zu garantieren. In der Öffentlichkeit gibt es für die deutsche Bevölkerung keine wirkliche Sicherheit mehr. Die rechtspopulistische AfD kommt ins Parlament und wird stärkste Oppositionspartei. Deutschland versinkt im Chaos und Streit.

Wahrscheinlich wird keines dieser beiden extremen Szenarien Wirklichkeit. Am Ende werden wir aber vielleicht schon froh sein, wenn der Flüchtlingsstrom irgendwie gestoppt werden konnte und die Flüchtlinge sich zum größten Teil in einer Parallelgesellschaft eingerichtet haben. Deutschland wird sich sehr verändern, aber es wird wohl ähnlich zerrissen werden wie die westliche Führungsmacht, die USA.

(siehe mein Artikel Mut zur Normalität)

Im Grunde zeigt sich hier, daß in der Politik die Versäumnisse der Vergangenheit unbeherrschbare Folgen bekommen können. Irgendwann gibt es für ein Problem keine guten Lösungen mehr. Der Bundeskanzlerin, die im Moment für ihr mutiges Eintreten für die Flüchtlinge und das Asylrecht gelobt wird, muß vorgehalten werden, daß ihre Regierung zugeschaut hat, als die großen Flüchtlingslager in der Türkei, in Jordanien und im Libanon nicht mehr in der Lage waren, die dort lebenden vier Millionen Flüchtlinge zu versorgen. Dem Flüchtlingshilfswerk UNHCR fehlte schlicht das Geld für die Ernährung, und es kürzte die Rationen um die Hälfte. Daraufhin machten sich diejenigen Flüchtlinge auf den Weg nach Europa, die sich die Strapazen zutrauten, vor allem junge männliche Flüchtlinge im Alter zwischen 20 und 30. Wer will ihnen das verdenken? Jetzt werden der Türkei, Jordanien und dem Libanon von Deutschland und der EU Hilfen in Milliardenhöhe angeboten. Warum erst jetzt? Es ist das Elend der konservativen Politik, daß sie niemals rechtzeitig die sozialen Probleme zu lösen sucht und dadurch immer wieder katastrophale Situationen heraufbeschwört.

(siehe mein Artikel Das Dilemma mit Paradigmen)

Nachdem die Katastrophe aber da ist, haben die Linken ihr besonderes Problem: Sie können sich nicht von ihrem idealistischen Anspruch verabschieden und fordern hier z.B. die kompromißlose Geltung des Asylrechts bzw. der Genfer Flüchtlingskonvention, auch wenn darunter die Gesellschaft zusammenbricht. Linke haben ihre Stärke in der Analyse der Ursachen. Sie wirken in einer gesellschaftlichen Notsituation, die in der Regel von den konservativen Eliten verursacht wurde, wo jetzt aber pragmatische Lösungen gefragt sind, immer etwas zögerlich und weltfremd. Hier sind die sogenannten Rechtspopulisten ihnen gegenüber sehr im Vorteil, denn die haben keinerlei Gewissenshemmungen, "Ausländer raus!" und Schlimmeres zu rufen.

Es wäre allerdings meiner Ansicht nach durchaus eine Lösung denkbar zwischen dem Idealismus der Linken (Neptun) und der Rücksichtslosigkeit der Rechten (Uranus). Beide Seiten haben meiner Ansicht nach zu einem Teil Recht, aber auch zu einem Teil Unrecht: Der Idealismus der Linken ist voller Mitgefühl mit den Flüchtlingen und beruft sich auf die Menschenrechte, er überfordert aber die Machbarkeit in der Politik. Die Rücksichtslosigkeit der Rechten sieht die pragmatischen Probleme richtiger, reagiert aber völlig gefühllos und aggressiv auf die berechtigten Bedürfnisse der Flüchtlinge.

(vgl. mein Artikel Weltoffenheit gegen emotionale Sicherheit)

Mein Kompromißvorschlag sieht so aus: Den Flüchtlingen muß wirklich geholfen werden, aber in erster Linie nicht bei uns sondern in den Lagern, die in der Nähe ihrer Heimat in Jordanien, im Libanon und in der Türkei errichtet wurden. Das wurde in der Vergangenheit sträflich vernachlässigt, auch von der Bundesregierung. Diese Hilfe sollte jetzt schnell und ausreichend erfolgen. Wenn die Rede davon ist, daß hier drei Milliarden demnächst investiert werden, dann ist das meiner Ansicht nach viel zu wenig. Die Europäer sollten den Tisch für die Flüchtlinge dort großzügig decken. Und sie sollten auch für Schulen und berufliche Ausbildung sorgen. Das kann ruhig 10 Milliarden oder mehr kosten. Hier bei uns wird die Eingliederung mit Sicherheit nicht billiger, wobei der Erfolg noch sehr zweifelhaft ist.

Die Hilfe dort hat viele Vorteile: Die Flüchtlinge bleiben in ihrer vertrauten Kultur und in ihrem religiösen Umfeld. Sie müssen nicht eine fremde Sprache erlernen. Sie bleiben auch ihrer Heimat für den Wiederaufbau erhalten. Und es bleibt ihnen eine teure und lebensgefähliche Flucht nach Europa erspart. Wenn diese Camps wirklich einigermaßen komfortabel ausgestattet werden, dann wird wahrscheinlich ein großer Teil der Flüchtlinge, der hier bei uns erfahren hat, wie fremd unsere Welt ihnen ist und wie schwer ihnen der Neuanfang fällt, dorthin freiwillig zurückkehren. Die Übrigbleibenden lassen sich dann vielleicht integrieren.

Die Zukunft sieht also nicht einfach aus. Im Grunde zeigt sich auch hier, daß falsche Paradigmen der Vergangenheit irgendwann ihren Preis fordern. Privat sollte jeder jetzt sehen, wo er etwas tun kann, um die Lage zu entspannen. Die Extreme dürfen nicht gewinnen, weder die neptunische Blauäugigkeit der sogenannten Gutmenschen noch die uranische Rücksichtslosigkeit der nationalistischen Rechten. Es gibt meiner Ansicht nach aber eine notwendige Bedingung für die Bewältigung der vor uns liegenden Aufgaben: Die Politiker müssen begreifen, daß mit neoliberaler Konkurrenz, mit staatlicher Schuldenbremse und der "Schwarzen Null" im Haushalt keine Integration bzw. Rückführung der Flüchtlinge möglich ist. Wirkliche Hilfe für die Flüchtlinge und Neoliberalismus schließen sich gegenseitig aus.

Die Integration der Flüchtlinge wird viel Geld kosten. Es muß dabei auf jeden Fall vermieden werden, daß hilfsbedürftige Deutsche gegenüber Flüchtlingen benachteiligt werden. Wer den Flüchtlingen helfen will, muß dafür eintreten, daß der Sozialstaat in Deutschland und in Europa wieder aufgebaut wird. Die kommenden drei Quadrate von Saturn mit Neptun (erstmalig am 26. 11. 2015 um 14h30 für Berlin) könnten dafür das Bewußtsein schaffen. Und wer weiß, vielleicht ist diese humanitäre Entwicklung die positive - wenn auch nicht beabsichtigte - Veränderung unserer Gesellschaft, die mit den Worten der Bundeskanzlerin "Wir schaffen das!" eingeleitet wurde.

Rolf Freitag, Schule für Psychologische Astrologie in Heiligenhaus, 2015

Vervielfältigung mit Angabe des Verfassers gestattet

 

Artikel von Cora Stephan: "Versagen in der Flüchtlingspolitik" in: Merkel. Eine kritische Bilanz

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Gespräch mit Daniela Dahm über die Ausschreitungen in der Sylvesternacht und über die Ursachen des Flüchtlingsstroms

Artikel von Jens Berger: "Wer Angela Merkels Flüchtlingspolitik kritisiert, gehört nicht automatisch in die braune Schublade"

 

 

 

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