Neptun kommt vor Uranus

Gedanken zu einer Politischen Astrologie

Die Planeten und sensitiven Punkte im Horoskop sind in einem Kreis angeordnet und werden durch Aspekte miteinander verbunden. Das bedeutet, dass diese Energien sich gegenseitig begrenzen und aufeinander Rücksicht nehmen müssen. Keine Energie gilt allein und absolut, immer muß ein Kompromiß gesucht werden und das Ideal wäre, daß das ganze Horoskop ausgeglichen gewissermaßen aus der Mitte heraus gelebt wird.

Diese Sicht der Horoskop-Deutung berücksichtigt nun aber nicht, daß es neben der horizontalen Balance auch eine vertikale Schichtung der Energien gibt. Die Energien des Horoskops setzen nämlich auf einer unterschiedlichen Tiefe der Persönlichkeit an. Und das hat Auswirkungen auf die psychologische Gewichtung der jeweiligen Energie. 

In der Astrologie gilt die Regel, daß die Entfernung der Planeten von der Erde bzw. ihre Umlaufgeschwindigkeit den entscheidenden Hinweis für die Wirkungstiefe geben: Entferntere bzw. langsamer laufende Planeten symbolisieren Energien, die tiefer in der Persönlichkeit ansetzen. Der Mond als der schnellste Horoskopfaktor wirkt an der Oberfläche der Persönlichkeit, er ist also gut spürbar, was jederman auch bei sich selbst nachprüfen kann, denn die mondtypischen wechselnden Stimmungen hat jeder schon des öfteren erlebt. Pluto als der langsamste Planet unseres Sonnensystems wirkt dagegen in der tiefsten Tiefe der Persönlichkeit und ist für sich genommen nur sehr schwer wahrnehmbar.

Die Planeten unseres Sonnensystems können also nach ihrer Umlaufgeschwindigkeit (bzw. nach ihrer Entfernung von der Erde) geordnet werden. Diese Ordnung wird auch als "Chaldäische Reihe" bezeichnet.

(vgl. die Übersicht Die Chaldäische Reihe der Planeten)

Aus dieser Anordnung lassen sich nun psychologische Konsequenzen ableiten. Ganz allgemein gilt das Gesetz: Die tieferliegende Energie entscheidet über die höherliegenden Energien. Dabei gibt es drei Energien, nämlich Pluto, Chiron und Ceres, die Grenzpositionen innehaben.

Pluto symbolisiert die "Bodenplatte" unserer Persönlichkeit, auf der alle anderen Energien aufbauen. Da Pluto (eigentlich Pluto zusammen mit seinem fast gleich großen Mond Charon)  als "Bindungsfähigkeit" bzw. "Liebe" gedeutet werden muß, wird also die Grundlage unseres Lebens durch Werte, nämlich Personen oder Überzeugungen, bestimmt, an die wir uns tief gefühlsmäßig gebunden haben. Die "Liebe" ist die Grundlage des Lebens. Das erklärt übrigens auch, warum stark plutonisch geprägte Menschen zum Fanatismus neigen, denn von "Liebesobjekten" trennt sich niemand so schnell.

Der Kleinplanet Chiron, der seine Umlaufbahn zwischen Saturn und Uranus hat, besitzt offenbar eine Vermittlungsfunktion zwischen diesen beiden Planeten. Da Chiron nach meiner Astrologie die Jungfrau-Energie symbolisiert, kann er als "Vernunft" bzw. "Unterscheidungsfähigkeit" interpretiert werden. Er kann also überlegen, wieviel Pflicht (Saturn) in einer Situation geleistet werden soll bzw. wieviel Freiheit (Uranus) angemessen ist. Chiron umgreift auch die beiden gesellschaftlichen Planeten Jupiter und Saturn und kann deshalb die Spannung zwischen Unternehmungsgeist (Jupiter) und Verantwortung (Saturn) mit Vernunft ausgleichen.

Der Asteroid Ceres schließlich befindet sich zwischen Mars und Jupiter und herrscht nach meiner Astrologie über das Stier-Zeichen. Das "Sicherheitsstreben" grenzt also die fünf persönlichen Planeten gegenüber Jupiter ab, der Ceres nicht mehr unterstellt ist und bekanntermaßen die "Risikobereitschaft" und "Abenteuerlust" symbolisiert.

Die Chaldäische Reihe bekommt nun eine besondere politische Brisanz, wenn wir uns das Verhältnis von Neptun zu Uranus ansehen. Die astrologische Aussage ist eindeutig: Neptun bestimmt über Uranus, weil er der langsamere Planet ist. Da Neptun interpretiert werden kann als "Einfühlungsvermögen, Rücksicht und Solidarität" und Uranus als "Distanziertheit, Freiheitsverlangen und Selbstverwirklichung", wird damit eine wichtige gesellschaftliche Aussage impliziert: Ohne übergeordnete Rücksicht und Solidarität wird jedes Streben nach Freiheit und Selbstverwirklichung zur egozentrischen Willkür!

In der augenblicklichen gesellschaftlichen Situation besitzt eine solche Aussage eine enorme politische Bedeutung. Es wurden schließlich in den letzten Jahren vor allem von der CDU/CSU und der FDP ganz andere Thesen vertreten. "Freiheit kommt vor Gleichheit" wurde propagiert oder "Privat kommt vor Staat". Das sind Formulierungen, die eindeutig die astrologischen Verhältnisse auf den Kopf stellen.

An dieser Stelle muß darauf hingewiesen werden, daß die bekannten Schlagworte der Französischen Revolution "Freiheit, Gleichheit, Brüderlichkeit" keineswegs alle dem Wassermann (Uranus) zugeordnet werden dürfen. Ich weiß, daß das in astrologischen Kreisen noch immer reflexartig geschieht, aber damit wird die Zuordnung nicht richtiger. Freiheit und Gleichheit sind fundamentale Gegensätze und können deshalb gar nicht zur selben astrologischen Grundenergie gehören. "Freiheit" hat Yang-Charakter und bedeutet, sich selbst als ein ganz eigenes und besonderes Individuum zu verwirklichen. Sie führt im Ergebnis zur Verschiedenheit der Menschen. "Gleichheit" dagegen hat Yin-Charakter und orientiert sich am Gemeinsamen aller Menschen, also an ihrer geistig-seelischen Würde, an ihrer Berufung zur Transzendenz, an ihrer Verpflichtung, auf die innere Stimme des Gewissens zu hören, an ihrem Recht auf Leben und körperliche Unversehrtheit, wie es z.B. das deutsche Grundgesetz formuliert. Sie führt im Ergebnis zur Aufforderung der "Brüderlichkeit", weil eben unsere Mitmenschen in gewisser Hinsicht uns gleichen wie ein Bruder dem anderen.

"Freiheit" ist unbestritten ein Begriff, der die Wassermann-Energie (Uranus) kennzeichnet, "Gleichheit und Brüderlichkeit" gehören dagegen zur Fische-Energie (Neptun).

Freiheit kommt also nicht vor Gleichheit, sondern es verhält sich genau umgekehrt: Eine fundamentale Gleichheit der Menschen hat grundsätzlich Vorrang vor Freiheit und Selbstverwirklichung. Das bedeutet natürlich nicht, daß für Freiheit und Originalität am Ende kein Platz mehr übrig bleiben soll und die Gesellschaft nur noch aus "uniformierten Ameisen" bestehen darf, wie das z.B. einmal in China angestrebt wurde. Es heißt aber umgekehrt, daß die Besonderheit und Tüchtigkeit einzelner Menschen (oder auch einfach nur der glückliche Zufall in ihrem Leben) sich niemals so weit auswirken dürfen, daß die grundlegenden Rechte der übrigen Menschen verletzt werden. Konkret formuliert: Ein immenser Reichtum z.B. kann niemals gerechtfertigt werden, auch nicht durch noch so große Tüchtigkeit und noch so großen Fleiß, weil er auf der anderen Seite für Milliarden von Menschen zu Armut und Hunger führen muß und Millionen Kinder sogar verhungern läßt. Solidarität hat Vorrang vor Selbstverwirklichung. Neptun kommt vor Uranus!

Die Spannung zwischen Neptun und Uranus, die grundlegend das ganze politische Leben bestimmt, wird nun von den gesellschaftlichen Planeten Jupiter und Saturn aufgenommen und erweitert. Jupiter verbindet sich gern und leicht mit Uranus. Diese Konstellation entspricht dem freien Unternehmertum. Neptun in Verbindung mit Saturn vertritt dagegen den Sozialstaat. Es ist offensichtlich, daß wir zur Zeit in den weltweiten Protestbewegungen genau den Kampf zwischen diesen beiden Ordnungsprinzipien erleben: unternehmerische Freiheit gegen staatliche Regulierung, Selbstverwirklichung gegen Solidarität, privater Wettbewerb gegen öffentliche Daseinsvorsorge, Markt contra Plan.

(vgl. das Schaubild Grenzen für Uranus und Jupiter)

Dabei hat sich seit etwa 40 Jahren die uranisch-jupiterhafte Energie durchgesetzt und bestimmt immer mehr die gesellschaftliche Situation, während der neptunisch-saturnhafte Gegenpol strukturell ins Hintertreffen geraten ist.

Dafür stehen etwa auch solche Schlagworte wie Deregulierung, Flexibilisierung, Privatisierung und Eigenverantwortung. Es sind die Schlagworte des Neoliberalismus. Sie bestimmen den politischen Diskurs seit langem, und sie haben nicht nur die Diskussion dominiert, sondern auch die gesellschaftliche Wirklichkeit vollkommen verändert. Vom astrologischen Standpunkt aus muß festgestellt werden, daß damit versucht worden ist, Uranus über Neptun zu stellen, was grundsätzlich ein Fehler ist: der Sozialstaat muß der unternehmerischen Freiheit Regeln und Grenzen setzen, damit das Gemeinwohl und damit auch der Zusammenhalt der Gesellschaft garantiert bleiben.

(vgl. das Schaubild Die Soziale Marktwirtschaft)

Es ist dem Neoliberalismus natürlich nicht entgangen, daß der Markt eine Gesellschaft ins Chaos stürzen kann. Er versucht aber, ein solches Unglück dadurch abzuwenden, indem er sich wiederum allein auf die Marktkräfte verläßt und den Wettbewerb aller gegen alle propagiert. Die Konkurrenz der einzelnen Marktteilnehmer untereinander soll es richten, daß die Bäume nicht in den Himmel wachsen und die Gesellschaft zu weit auseinander driftet. Uranus/Jupiter (in Verbindung mit Widder) kämpft also gegen Uranus/Jupiter (in Verbindung mit Widder) und soll sich damit selbst Grenzen setzen. Der Markt (nach Adam Smith "die unsichtbare Hand") bekommt dadurch gewissermaßen eine religiöse Qualität, weil man von ihm erwartet, dass er die alles durchwaltende Harmonie garantiert.

Der gesunde Menschenverstand müßte einem nachdenklichen Menschen allerdings schon sagen, daß die Vorstellung von sich selbst Grenzen setzenden Konkurrenzkräften ein Unsinn ist.

Wettbewerb führt immer zu Gewinnern und Verlierern und muß sich damit im Laufe der Zeit automatisch selbst abschaffen, weil in der Wirtschaft (anders als etwa im Sport) ein Gewinnvorsprung niemals abgegeben wird. Die Gewinner kaufen am Ende die Verlierer auf, und die freien Unternehmer, die das hohe Lied vom Wettbewerb singen, haben selbst kein dringenderes Interesse, als ihre Konkurrenten aus dem Markt zu werfen und damit Monopolisten (bzw. Oligopolisten) zu werden.

Aber auch die Astrologie muß einer Vorstellung widersprechen, die versucht, mit Hilfe einer einzigen Energiekombination die Welt ins Gleichgewicht zu bringen. Das Horoskop zeigt, daß gerade die Verbindung aller 12 Grundenergien erst die Balance des Lebens garantiert, wobei allerdings die tiefer liegenden Energien über die höher liegenden bestimmen müssen. Es führt also kein Weg an der Erkenntnis vorbei, daß Neptun in Verbindung mit Saturn genau die Energie ist, die Regeln und Grenzen (Saturn) im Interesse des Gemeinwohls (Neptun) setzen muß, damit ein Markt (Uranus/Jupiter in Verbindung mit Mars) auf Dauer überhaupt funktionieren kann.

Die Geschichte des 18. und 19. Jahrhundert mit ihren zyklischen Wirschaftskrisen und der wachsenden Verelendung der Arbeitnehmer hat die liberale Theorie deutlich widerlegt. Nach zwei Weltkriegen, die letztlich auch nichts anderes als kapitalistische Raubzüge waren (also eine auf die Spitze getriebene internationale Konkurrenz), hat vor allem Deutschland versucht, einen Kapitalismus mit menschlichem Antlitz zu schaffen. Es wurde (auch in Konkurrenz zur DDR) die "Soziale Marktwirtschaft" installiert, die "Wohlstand für alle" versprach und dieses Versprechen auch in Ansätzen verwirklicht hat. Es war der Versuch, nach den uranischen Verwüstungen des Faschismus Neptun und Saturn wieder in ihre Rechte vor Uranus und Jupiter einzusetzen.

Dieser Kapitalismus der Bonner Republik wird aber heute als "Rheinischer Kapitalismus" verspottet und wurde inzwischen, wie dargelegt, durch eine neoliberale Wirtschaftsform abgelöst, deren Spezialität vor allem die Dominanz unregulierter Finanzmärkte ist. Dieser "Raubtierkapitalismus" hat durch sogenannte Heuschrecken (Hegdefonds) mit Hilfe von Banken, über Kredithebel, Kreditausfallversicherungen sowie Spekulationen gegen Rohstoffe, Lebensmittel, Währungen und Staatsanleihen ganze Länder ruiniert und die Weltwirtschaft schließlich an den Abgrund geführt.

Eine völlig entfesselte Uranus-Jupiter-Energie tobt sich inzwischen immer noch weitgehend ungebremst aus und soll durch sich ständig wiederholende Rettungsversuche von einer Neptun-Saturn-Energie eingefangen werden, der aber bisher die notwendige Kraft und Konsequenz gefehlt hat.      

Die aktuelle Zeitqualität - der Transit-Neptun befindet sich am Anfang des Fische-Zeichens mit Kontakt zur Wassermann-Energie - zeigt nun eine Umorientierung (Wassermann/Fische) für die nächsten Jahre an, die in Richtung Gerechtigkeit und Solidarität (Neptun) gehen soll. Da aber gleichzeitig der Transit-Uranus im Widder mit dem Transit-Pluto im Steinbock bis 2015 sieben Mal ein Quadrat bildet (Kardinale Klimax), ist mit heftigsten Auseinandersetzungen in der globalisierten Welt zu rechnen, die auch schon begonnen haben. Die dominante Wassermann-Energie wird nicht freiwillig das Feld räumen. Die Astrologen sollten in diesem Kampf Partei ergreifen und sich auf die Seite von Neptun und Saturn stellen. Es ist die Energie, die sowohl in der Persönlichkeit als auch in der Gesellschaft tiefer ansetzt und daher über Uranus und Jupiter bestimmen muß. Das meint auch die inzwischen öfter zu hörende Forderung, daß der Staat wieder den Primat der Politik über die Wirtschaft (und vor allem über die Spekulationen der Banken und Kapitalfonds) herstellen soll. Dem globalen Sozialstaat muß die Zukunft gehören! Neptun kommt vor Uranus und Saturn hat Vorrang vor Jupiter!

Rolf Freitag, Schule für Psychologische Astrologie in Heiligenhaus, 2014

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