Das Horoskop der Deutschen Einheit

Zwischen Selbstzweifel und Größenwahn

3. Oktober 1990 um 0.00 Uhr in Berlin

deutsche einheit

Es fällt sofort die Stellung der Mondknotenachse an der AC-DC-Achse auf, die ich auch als Initiative-Achse bezeichnet habe. Das Thema "Deutschland" (Mondknotenachse), also die Frage, welche Rolle Deutschland in der Welt einnehmen soll, bestimmt nach der Wiedervereinigung offensichtlich auch astrologisch das politische Handeln. Es ist mit dieser Konstellation aber auch ein Wiedererwachen des Nationalstolzes denkbar, da der aufsteigende Mondknoten einer Verbindung von Sonne und Mond (Stolz) entspricht. Mit der Stellung des Mondknotens im Wassermann (Eigensinn) an der DC-Achse (Politik) kann demnach von einem wiedervereinigten Deutschland eine geradezu selbstherrliche Politik befürchtet werden. Die Spannungsfigur zwischen dem Aszendenten bzw. dem absteigenden Mondknoten in Konjunktion mit Jupiter im Halbquadrat zu dem Kleinplaneten Ceres (Stier-Energie) und von dort mit Anderthalbquadrat zum DC bzw. dem aufsteigenden Mondknoten könnte dann so gedeutet werden, daß Deutschland nach der Wiedervereinigung zu neuer Größe und Bedeutung (Ceres) aufsteigen will. 

Jupiter befindet sich am AC im Löwen und bildet mit Lilith im Schützen (nach der Ephemeride von Koch/Rindgen bei 9°41) an der Spitze des 5. Hauses (GOH) und mit der Sonne am Waage-IC ein kleines Trigon. Das ist eine sehr starke Verbindung der Schütze- mit der Löwe-Energie, die politisch so gedeutet werden kann, daß es der politische Wille der Regierung ist (Sonne in Waage), daß das freie Unternehmertum (Jupiter) mit seiner Dynamik und seinem Expansionsdrang (Jupiter Trigon zu Lilith in Schütze) im Mittelpunkt (Sonne/Löwe/5. Haus) der Gesellschaft steht.

Hinzu genommen werden muß die Konstellation von Mars in den Zwillingen Spitze 11 in Opposition zur Lilith, die einen äußerst rücksichtslosen Wettbewerb (Mars) beschreibt, wobei die neuen Kommunikations-Technologien (Zwillinge/11. Haus) eine entscheidende Rolle spielen.

Da Lilith gleichzeitig mit MC im Widder und Jupiter am AC in ein Großes Trigon eingebunden ist und darüber hinaus Mars ein Kleines Trigon mit dem MC und Jupiter am AC bildet, haben wir hier eine Drachenfigur, die für das genannte rücksichtslose Erfolgsstreben (Mars Spitze 11) bzw. den fanatischen Ehrgeiz (Lilith Trigon MC) eine große und selbstverständliche Stabilität bereitstellt. Im Grunde kennzeichnet diese Energieverbindung den Neoliberalismus, wie er sich nach der Wiedervereinigung mit großer Selbstverständlichkeit in Deutschland etabliert hat.

Die Stellung von Uranus im Steinbock mit Halbsextil zum aufsteigenden Mondknoten unterstreicht diesen ehrgeizigen Leistungsdrang noch einmal. Da sich Uranus gleichzeitig an der Spitze des 6. Hauses befindet, wird damit auch die besondere Stellung der BRD in Wissenschaft und Forschung (in Europa) bezeichnet, die sich z.B. in der großen Zahl der Patentanmeldungen ausdrückt. Außerdem befindet sich der Uranus zur Halbsumme von Sonne/Venus in einer Quadratstellung und erklärt damit, daß sich Politik (Venus) und Regierung (Sonne) vor allem auf diese Leistungsfähigkeit stützen, mit denen Deutschland z.B. jahrelang Exportweltmeister geworden ist.

Das ist die uranische Seite des Horoskops der Deutschen Einheit, die in der heutigen neoliberalen Politik eindeutig den Ton angibt. Sie wird aber von einer ebenfalls sehr starken neptunischen Seite infrage gestellt.

Der aggressiv gestellte Mars bildet mit Priapus (Mond, Neptun, Pluto), einem äußerst sensiblen Punkt, ein Halbsextil (13°24 im Stier nach der Ephemeride von Koch/Rindgen). Priapus selbst steht in Opposition zu Pluto im Skorpion, was auf intensive (Pluto) Existenzängste (Priapus im Stier) hindeutet. Deutschland macht sich Sorgen um seine wirtschaftliche Position auf den Weltmärkten unter den Bedingungen der Globalisierung.

Eine ähnliche Bedeutung hat die Konstellation Mond in den Fischen Spitze 9 in Opposition zu Ceres (Stier) in Jungfrau (17°07). Da der Mond gleichzeitig ein Anderthalbquadrat zum absteigenden Mondknoten und AC bildet, läßt sich vielleicht sagen, daß das Volk (Mond) aus eben dieser Existenzangst (Mond in den Fischen mit Opposition zu Ceres) heraus die rücksichtslose unternehmerische Dynamik (Jupiter am AC mit Trigon zu Lilith) mit Sorgen (Mond) betrachtet, weil es sich aufgrund von Arbeitslosigkeit, Leiharbeit, Minijobs und sinkender Realeinkommen als Opfer (Mond in den Fischen) empfindet.

Das Volk appelliert dagegen an die soziale Verantwortung des Staates (Mond mit Sextil zu Saturn im Steinbock), wobei der Sozialstaat in der Konstellation von Neptun im Steinbock mit Quadraten zum MC und zur Sonne (Regierung) sowie in dem Trigon zwischen Neptun im Steinbock und Priapus im Stier zum Ausdruck kommt. Unter der fortdauernden Dominanz der uranischen Energie müßten allerdings gerade diese Konstellationen als soziale Verantwortungslosigkeit (Saturn-Neptun) der politischen Führung (Sonne) interpretiert werden.

Die Konstellation Mond in den Fischen mit Opposition zu Ceres (Stier) in Jungfrau kann allerdings auch so gelesen werden, daß wir es mit einem müden und eingeschlafenen Volk zu tun haben, das keine Lust hat nachzudenken (Jungfrau) und das sich gegenüber dem dynamischen Unternehmertum (Neoliberalismus) als ohnmächtig (Mars Halbsextil Priapus) empfindet. Das könnte genau die gesellschaftliche Konstante sein, die Angela Merkel als Kanzlerin unangreifbar macht.

Das Horoskop der Deutschen Einheit zeigt also eine große Ambivalenz. Eine Reihe von Energien sind nach dem Astrologischen Alphabet gleichzeitig mit dem Uranus- und mit dem Neptun-Prinzip besetzt. Dazu gehören:

  • Mars Spitze 11 mit Aspekt zu Priapus
  • Sonne mit Sextil zu Lilith und Quadrat zu Neptun
  • Mond in den Fischen im Halbquadrat zum aufsteigenden Mondknoten im Wassermann
  • Jupiter mit Trigon zu Lilith und Häuserachse 9 in den Fischen
  • MC (Saturn) mit Trigon zu Lilith und Neptun im Steinbock mit Quadrat zum MC
  • Neptun und Uranus im Steinbock Spitze 6

Eine solche durchaus ungewöhnliche Ambivalenz stellt die Politik der Bundesrepublik Deutschland vor die fast unlösbare Aufgabe, die Energien von Wassermann (Uranus, Lilith, 11. Haus) und Fische (Neptun, Priapus, 12. Haus) in einen genauen Ausgleich miteinander zu bringen. Es droht dabei immer die Gefahr, eine Energie zu verdrängen bzw. abwechselnd einmal die neptunische und ein andermal die uranische Energie in den Vordergrund zu rücken.

Besondere Schwierigkeiten bereiten dabei die Energien von Uranus und Neptun im Steinbock. Sie verweisen auf die im deutschen Wesen so unheilvoll angelegte Verbindung von Unterwürfigkeit und Unterdrückung. Deutschland hat nach dem verlorenen 2. Weltkrieg eine lange Phase der Unterwürfigkeit innerhalb der Völkerfamilie durchlebt, die nach der Wiedervereinigung langsam von einer Phase der Überlegenheit und Besserwisserei (Uranus Spitze 6) abgelöst worden ist. Deutschland beruft sich heute auf seine wirtschaftlichen Erfolge im Exportgeschäft und versucht ganz Europa sein Modell zur Steigerung der Wettbewerbsfähigkeit aufzuzwingen. Am deutschen Wesen soll wieder erinmal die Welt (oder zumindest Europa) genesen. 

In gewisser Hinsicht ist Deutschland ein schwieriges Land geworden. Wahrscheinlich durch den Zusammenbruch des Sozialismus in der DDR überzeugt, hat sich die BRD inzwischen ganz auf die Seite des amerikanischen Wirtschaftswegs geschlagen, der den Neoliberalismus, also die Freiheit (und damit die Leistung, den Wettbewerb, den Markt und die Ungleichheit der Menschen), zum Allheilmittel erklärt. Vergessen ist wohl heute auch, 60 Jahre nach dem Zusammenbruch im 2. Weltkrieg, zumal die Hautpschuldigen in Wirtschaft und Politik inzwischen verstorben sind, daß der Kapitalismus die Deutschen in der besonders barbarischen Form des Faschismus in den Krieg geführt hat.

So erleben wir in Deutschland ein besonders aggressives Unternehmertum vor allem der multinationalen Konzerne, Banken und Versicherungen, das für seinen Kampf auf den Weltmärkten alle Mittel für sich beansprucht und die Gewerkschaften mit der Drohung der Vernichtung von Arbeitsplätzen völlig in die Defensive gedrängt hat.

Den Arbeitnehmern wird gerade durch die Hartz-Gesetze ein Lohndumping zugemutet, daß teilweise dazu geführt hat, daß reguläre Arbeitsverhältnisse nicht mehr existenzsichernd sind. Der Staat wird durch ständige Forderungen nach Steuersenkungen bzw. Steuerverzicht (Schuldenbremse) derart geschwächt, daß er für die Verlierer der Globalisierung nicht mehr ausreichend sorgen kann. Bezeichnenderweise gehört Deutschland zu den wenigen Ländern in der Europäischen Union, in denen es bis 2015 keine Mindestlöhne gab und das folglich den größten Niedriglohnsektor besitzt. Es ist andererseits aber das Land geworden, wo die höchsten Managergehälter gezahlt werden.

Es ist interessant und sehr aufschlußreich, wenn man das Horoskop der Deutschen Einheit, das die "Berliner Republik" beschreibt, mit dem Gründungshoroskop der BRD von 1949 vergleicht, das gewissermaßen die Blaupause der "Bonner Republik" war.

Das Horoskop der Gründung der BRD

23. Mai 1949 um 16.00 Uhr in Bonn

gruendung brd

Hier finden wir z.B. auch ein kleines Trigon, und zwar zwischen Sonne, Ceres und Lilith, das den Willen zu Wiederaufbau, Wohlstand und Sicherheit symbolisiert und mit der spannungsreichen Einbindung des Jupiter in Haus 5 bzw. der Stellung der Sonne Spitze 9 eine Dynamik thematisiert, die zum deutschen Wirtschaftswunder geführt hat. Im Horoskop der Deutschen Einheit gibt es ein ähnliches kleines Trigon, nur daß an der Stelle der Ceres sich der Jupiter am Aszendenten befindet. Das macht einen beträchtlichen Unterschied mit weitreichenden Folgen aus: Es geht dort nicht mehr in erster Linie um Wohlstand für alle (Ceres), sondern um unternehmerisches Risiko und weltweite Expansion (Jupiter).

In der Bonner Republik wurde zwar auch verbissen gearbeitet (Mars in Haus 8 im Quadrat zu Pluto), aber der Staat sorgte doch einigermaßen für einen sozialen Ausgleich in den Besitzverhältnissen (Saturn in Haus 12 mit Halbsextil zu Ceres). Das Volk (Mond bzw. Mondknoten) konnte sich dabei auf soziale Hilfen verlassen (Opposition zu Neptun bzw. Priapus). Auch den kleinen Leuten ging es jedes Jahr ein wenig besser, und das genügte für den sozialen Frieden (Venus mit Anderthalbquadat zu Priapus bzw. Trigon zu Neptun im Waage-Zeichen).

Zwar bildeten Leistungsbereitschaft (Verbindung der Energien von Saturn mit Uranus) und das Wettbewerbsprinzip (Mars in Haus 8 mit Halbquadrat zu Lilith und Quadrat zu Pluto) auch in der Bonner Republik das Fundament (Pluto, Haus 8) der Gesellschaft. Sie wurden durch Uranus (gehört zu Haus 10) mit Quadrat zu Lilith und Sextil zu Saturn bzw. Uranus mit Halbquadrat zu Pluto in Haus 11 sowie durch Jupiter zwischen der Steinbock- und Wassermann-Energie in Opposition zu Ceres sogar fanatisch angeregt. Die Politik erlaubte diesen Prinzipien aber letztlich nicht, den Wohlstand für alle infrage zu stellen. Nicht umsonst sprach man von der Bonner Republik als einer Konsens-Gesellschaft.

Der historische Kompromiß der Nachkriegsgesellschaft zwischen Kapitalismus und Arbeitnehmerschaft bestand im Grunde darin, daß von ihr der Markt, das Privateigentum und die damit verbundene gesellschaftliche Macht unter der Voraussetzung akzeptiert wurden, daß sie der Bevölkerung Vollbeschäftigung, wachsenden Wohlstand und ein bestimmtes Maß an sozialer Sicherheit garantierten.  

 Der Kapitalismus mit seiner Wettbewerbs-Ideologie (Mars im Stier mit Quadrat zu Pluto Spitze 11) wurde damit natürlich nicht überwunden, die Einkommensverhältnisse entwickelten sich auch in der Bonner Republik auseinander, aber der Kapitalismus wurde zumindest in gewisse soziale Grenzen eingebunden.

Im Gegensatz dazu hat in der Berliner Republik das Wassermann-Prinzip (Freiheit) auf der ganzen Linie gesiegt. Insofern hat es tatsächlich den viel beschworenen "Ruck" in Deutschland gegeben, und man kann durchaus von einer "Revolution von oben" sprechen, die die soziale Demokratie der Bonner Republik weitgehend abgeschafft hat. Die Fische-Energie in Verbindung mit der Steinbock-Energie (soziale Gerechtigkeit) wurde dabei Schritt für Schritt zurückgedrängt und wirkt jetzt lediglich als soziale Haltlosigkeit in der Gesellschaft.

Es herrscht in der BRD zur Zeit eine aggressive Rücksichtslosigkeit (Mars Spitze 11 Opposition Lilith), die die Gesellschaft in Gewinner und Verlierer spaltet, die eine neue Armut erzeugt hat und den sozialen Frieden gefährdet.

Dabei hat sich in allen Gesellschaftsschichten eine egoistische Haltung herausgebildet, wie sie früher unbekannt war, wobei allerdings die Eliten ihre größeren Möglichkeiten nutzen. Werden bei den unteren Schichten Schwarzarbeit und Betrug bei der Inanspruchnahme von Sozialhilfe beklagt, so sind es in den oberen Schichten unverschämte Gehaltsansprüche, Korruption, Steuerhinterziehung und eine völlig von der Realwirtschaft abgehobene Spekulation mit Aktien, Rohstoffen, Immobilien und Währungen, die die Arbeitslosigkeit vermehren und das Land an den Rand des Abgrunds bringen. Die Politik zeigt sich in diesem Klima der mangelnden Solidarität bisher unfähig zu nachhaltigen Reformen.

Deutschland hat mit seinem aggressiven neoliberalen Weg die Position eines Exportvizeweltmeisters erreicht. Der Staat ist dabei aber arm geworden, und die Kaufkraft der Bevölkerung liegt am Boden, nicht zuletzt, weil durch Lohndumping und soziale Kürzungen die Einkommen fehlen. Langsam dämmert es den Politikern, daß da durchaus ein logischer Zusammenhang besteht: Wenn das ganze Kapital zu den multinationalen Konzernen, Banken und Versicherungen bzw. Hedge-Fonds fließt, fehlt es eben der Bevölkerung für die Nachfrage und es fehlt ebenso dem Staat für die Erfüllung seiner sozialen Aufgaben (Bildung und Erziehung, Gesundheitswesen, Rentensicherung, Altenpflege, Sozialhilfe usw.) wie für die Instandhaltung der gesellschaftlichen Infrastruktur. Man kann nicht auf allen Gebieten gleichzeitig siegen.

Außerdem wurden unsere europäischen Partnerländer in der Währungsunion niederkonkurriert. Deutschland blieb in den vergangenen 10 Jahren konsequent unter dem von der EZB festgelegten Inflationsziel von 2%, indem der gesellschaftlich neutrale Verteilungsspielraum (Wirtschaftswachstum plus Inflationsrate) nicht genutzt wurde. Der dadurch erzielte Wettbewerbsvorteil der deutschen Unternehmen führte zu dem gigantischen Außenhandelsüberschuß von zur Zeit fast zwei Billionen Euro, dem ein entsprechender Schuldenberg vor allem bei den Südeuropäern gegenüber steht.   

Die Deutschen werden sich also entscheiden müssen: Entweder sie wollen weiter Exportvizeweltmeister bleiben und andere Länder niederkonkurrieren, mit allen negativen sozialen und politischen Konsequenzen dieser Politik im Inland und im Ausland (womit letztlich auch der Bestand der Währungsunion aufs Spiel gesetzt wird), oder sie setzen auf eine ausgeglichenere und solidarischere Gesellschaft, in der der Staat wieder eine größere Rolle spielen darf.

Das wäre die Position der skandinavischen Länder, die die Prinzipien von Wassermann und Fische auch unter den Bedingungen der Globalisierung offensichtlich in eine bessere Balance gebracht haben.

 

Rolf Freitag, Schule für Psychologische Astrologie in Heiligenhaus 2013

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