Astrologie und Moral

Der Weg ist das Ziel

 Vorbemerkungen

Wer heutzutage das Thema Moral anspricht, läuft Gefahr, sich als "Gutmensch" lächerlich zu machen. Durch den fast vollständigen Sieg der Wassermann-Energie über die Fische-Energie wird nicht nur die Religion angezweifelt, sondern darüber hinaus auch die Berechtigung und der Wert ethischer Überlegungen. Für die postmoderne gesellschaftliche Ordnung (in den westlichen Gesellschaften) zählen allein Vernunft, Konkurrenzdenken und die Marktgesetze, also letztlich der Kampf aller gegen alle

Diese Einstellung gilt nicht nur für die Herren der Welt - die multinationalen Konzerne bzw. internationalen Kapitalfonds und deren Statthalter in den (westlichen) Regierungen - sondern leider auch für die Opfer dieser Verhältnisse und für viele von ihren schärfsten Kritikern. Letztere setzen oft allzu optimistisch allein auf eine kritische Vernunft (Jungfrau mit Wassermann) und die Schaffung von neuen Strukturen (Steinbock mit Wassermann), um die großen Probleme der Menschheit zu lösen. Der Wassermann versucht damit die von ihm geschaffenen Probleme letzlich wieder mit derselben, nämlich der Wassermann-Energie (Freiheit, Intelligenz und Innovation) zu lösen. Es gibt aber keine wirksame und dauerhafte Lösung ohne die Fische-Energie (Rücksicht, Mitgefühl und Verinnerlichung) in Verbindung mit der Steinbock-Energie (Verpflichtung und Verantwortung).

Wir brauchen zwar unbedingt neue Strukturen, um die ökologischen und sozialen Probleme des globalen Kapitalismus zu lösen und seinen Raubzug gegen die Welt zu beenden. Wir müssen uns andererseits aber darüber im klaren sein, daß jede Struktur korrumpiert werden kann, wenn sie kein moralisches Fundament hat.

Insofern ist es wichtig und notwendig, sich über die Berechtigung von Ethik und Moral Gedanken zu machen und gleichzeitig über ihre Gesetze nachzudenken. Neben der Religion kann hierzu auch die Astrologie einen Beitrag leisten. Es ist für mich eine gültige Erfahrung, daß die Astrologie die Menschen zu einem tieferem Verständnis der Welt und ihrer Probleme führen kann. Hierfür spielt aber gerade die Fische-Energie die entscheidende Rolle.

Ich erinnere mich in diesem Zusammenhang an folgende Begebenheit: In einem von mir gehaltenen Workshop stand plötzlich ein Mann auf und sagte sinngemäß ziemlich empört: "Sie werten ja ständig in ihrem Vortrag!" Er war offenbar der Ansicht, daß sich die Astrologie moralisch (ethisch) neutral zu verhalten habe. Ich war etwas konsterniert und habe sicher nicht sehr hilfreich geantwortet. Für mich war es in der Tat ganz selbstverständlich, daß die Astrologie eine normative Wissenschaft ist.  

Die Astrologie hat nämlich eine grundlegende Besonderheit: Sie ist der Ansicht, daß die Zeit nicht nur quantitativ gemessen werden kann, wie es die Naturwissenschaft praktiziert, sondern auch immer einen ganz bestimmten energetischen Inhalt hat, der für das menschliche Handeln eine Verpflichtung darstellt. 

Die Astrologie spricht in diesem Sinn von der "Zeitqualität". Das persönliche Horoskop ist z.B. die Aufzeichnung dieser Zeitqualität zur Zeit der Geburt. Die aufgezeichneten Energien werden dem betreffenden Menschen demnach als Begabungen geschenkt. Er muß dann allerdings selbst dafür sorgen, daß sie verwirklicht werden, und zwar so, wie sie bei ihm im Horoskop aufgezeichnet stehen. Ganz im Geist der abendländischen philosophischen Tradition (so wie ich sie auch in meinem Theologiestudium gelernt habe) könnte man also sagen: Aus dem (existentiellen) Sein der Horoskop-Energien folgt das (moralische) Sollen des Horoskopeigners. Der Mensch soll das werden, was er ist. Nur so kann er ein gesundes und zufriedenes Leben führen.

Dasselbe Gesetz gilt aber nicht nur für die individuelle Lebensführung, sondern auch für eine Politische Astrologie, die vor allem die aktuelle Zeitqualität und ihre Rhythmen berücksichtigt. Insofern stellt die Astrologie auch hier einen moralischen (ethischen) Anspruch. Ethische Grundsätze müssen also nicht erst von außen an die Astrologie herangetragen werden, wie es etwa bei den Naturwissenschaften der Fall ist. Sie ergeben sich eigentlich von selbst aus ihrem Wesen als ganzheitlicher Lebenskunde und fordern lediglich die Anerkennung dieser Besonderheit.

Horizontale und vertikale Moral

Es ist nun allerdings nicht ganz einfach, die einzelnen astrologischen Energien zu verwirklichen. Da sie symbolisch nicht auf einer Geraden, sondern in einem Kreis, nämlich dem Horoskop, angeordnet sind, begrenzen sie sich gegenseitig durch Aspekte. Das bedeutet, daß es nicht erlaubt ist, eine Energie zu verwirklichen, ohne dabei Rücksicht auf die anderen zu nehmen, da alle Energien grundsätzlich gleichberechtigt sind. Der Horoskopeigner (in der Politischen Astrologie ist das ein Land oder ein Ereignis) muß deshalb gewissermaßen nach der Mitte des Horoskops streben und sich von dort um eine ausgeglichene Balance (Integration) seiner Energien bemühen. Diese Balance aller Horoskop-Energien, für die das Gleichgewicht zwischen Wassermann und Fische die entscheidende Voraussetzung bildet, nenne ich die "horizontale Integration".

Wenn das erste moralische Gesetz der Astrologie heißt: "Werde, was Du bist!", dann lautet das zweite moralische Gesetz: "Integriere die Energien Deines Horoskops!"

Um die geforderte horizontale Integration des Horoskops zu erreichen, muß der Mensch bei seinen moralischen Anstrengungen die beiden Pole von Anpassung (Neptun) und Freiheit (Uranus) im rechten Maß (Saturn) miteinander verbinden. An dieser Stelle will ich aber einem weitverbreiteten Mißverständnis sofort vorbeugen: Man darf bei dem rechten Maß nicht allein von den vorgegebenen gesellschaftlichen Verhältnissen (Saturn) ausgehen. Das wäre eine Verkürzung der Moral zugunsten der vorhandenen Realität. Die Verhältnisse sind durchaus nicht immer in Ordnung und müssen deshalb von einer kritischen Vernunft (Jungfrau mit Wassermann) hinterfragt werden. Aus diesem Grund finden die moralischen Entscheidungen immer in einem Spannungsfeld statt, dessen Bezugspunkte durch Prinzipien (das sind die Grundsätze), die konkrete Situation und die Beschaffenheit der Persönlichkeit (das sind die Ausnahmen) gebildet werden. Man kann dieses Spannungsfeld auch als Dreieck zeichnen. Eine Entscheidung ist dann moralisch, das heißt sittlich richtig, wenn sie diesen drei Gesichtspunkten Rechnung trägt.

(vgl. das Schaubild Das Entscheidungsdreieck)

Prinzipien (Grundsätze) beschreiben das grundsätzlich Gesollte des menschlichen Verhaltens. Sie legen allgemein-verbindliche Normen des mitmenschlichen Zusammenlebens fest, z.B. mit dem Gebot "Du sollst nicht lügen". Die wichtigsten Normen bilden die Grundlage für die staatliche Gesetzgebung und die Justiz.

Die konkrete Situation ist immer einmalig und oft unvorhersehbar. Sie kann unter Umständen so beschaffen sein, daß man vom Grundsatz abweichen muß, weil die Verhältnisse (Saturn) das verlangen. Die allgemeine Lebenserfahrung sagt, daß jede Regel auch ihre Ausnahmen hat. Der Grundsatz "Du sollst nicht lügen" könnte also z.B. außer Kraft gesetzt werden, wenn man bei der Gestapo Hitlers bewußt die Unwahrheit gesagt hat, um einen jüdischen Freund zu retten.

Die Beschaffenheit der Persönlichkeit berücksichtigt die grundsätzliche Verschiedenheit der Menschen, wie sie im Horoskop symbolisch zum Ausdruck kommt. Die 12 Grundenergien der Astrologie sind dort bei jedem Menschen auf sehr komplizierte Weise miteinander verbunden und bestimmen so die einmalige Veranlagung eines Menschen. Daraus läßt sich für jeden Menschen ein ganz besonderer Lebensauftrag und dementsprechend auch ein ganz eigener Lebensweg herleiten.

In der traditionellen Moral, die sehr stark von den Kirchen geprägt wurde, betonte man fast ausschließlich die Prinzipien (Grundsätze). Ausnahmen ließ man nur in seltenen Fällen gelten, und die individuelle Veranlagung eines Menschen wurde fast überhaupt nicht berücksichtigt.

Astrologisch betrachtet war die traditionelle Moral sehr stark von Saturn bestimmt, der die gesellschaftlichen Normen festlegt, und von Neptun, der die Anpassungsbereitschaft ermöglicht. Der Uranus hingegen, der die Verhältnisse infrage stellt, wurde als "Teufel" von der Gesellschaft und den Kirchen weitgehend verdrängt und unterdrückt.

Diese relativ einfache Moral paßte aber trotzdem ungefähr in die bäuerliche Gesellschaft mit ihrem Ideal von Anpassung und Dienen, zu der sie gehörte, denn die Lebenssituationen blieben über Jahrhunderte weitgehend gleich, so daß Ausnahmen von der Regel eigentlich nicht notwendig waren. Und auf persönliche Bedürfnisse konnte man wegen des vorrangigen Interesses an stabilen und vor allem sicheren Verhältnissen (Saturn/Ceres) nur sehr wenig Rücksicht nehmen. Für diese Freiheit (Uranus) blieb einfach kein Platz.

In der Industriegesellschaft änderte sich die Situation nun grundlegend. Der Mensch erfuhr sich nicht mehr als Opfer eines unabänderlichen Schicksals, sondern eher als seines eigenen Glückes Schmied. Alles schien machbar zu werden in einem Zeitalter der Erfindungen und Veränderungen. Statt Anpassung (Saturn / Fische) war jetzt Bereitschaft zur Veränderung (Saturn / Uranus) angesagt.

(vgl. den Text Thesen zum Wassermannzeitalter)

Damit wurde auch die traditionelle Moral unglaubwürdig, die vor allem den Menschen gepredigt hatte, daß das Leben in Geduld ausgehalten werden müsse. Man wollte das Leben jetzt nicht mehr ertragen und erdulden, sondern eigenmächtig gestalten. Deswegen wurden die vor allem durch die Kirchen überlieferten Grundsätze zunehmend infrage gestellt und schließlich ganz abgelehnt. Sie galten als altmodisch und unbrauchbar. Wichtig wurde allein die persönliche Gewissensentscheidung (das Anliegen Martin Luthers in der Reformation), mit der jederman nach seinen Bedürfnissen in der konkreten Situation das moralisch Richtige entscheiden sollte.

In der Praxis wurde daraus allerdings im Laufe der Zeit eine völlige Unverbindlichkeit und Beliebigkeit des Verhaltens (Chaotik), denn niemand konnte letztlich verbindlich sagen, woran sich das Gewissen orientieren solle.

Das Recht zur autonomen Gewissensentscheidung folgt aus der besonderen Würde des Menschen, der nach dem Willen seines Schöpfers sein Leben in Freiheit gestalten soll. Die Gewissensentscheidung kann allerdings auch in die Irre gehen, wenn ein verpflichtender Maßstab völlig abgelehnt wird. Der richtige moralische Weg braucht daher beides: einerseits Toleranz für eigene Experimente in einer ganz persönlichen und einmaligen Situation (Uranus), andererseits aber auch die gehorsame Anpassung (Neptun) an objektive Grundsätze (Saturn).

Moralische Grundsätze sind auch heute im Wassermannzeitalter als theoretische Orientierungshilfe wichtig und dürfen nicht gering geachtet werden. Werden sie völlig vernachlässigt, droht die Gefahr einer allgemeinen Verwahrlosung und Beliebigkeit im Verhalten (Chaotik). Werden sie dagegen als einziger Maßstab genommen, führt dies zu Prinzipienreiterei und zu einer rücksichtslosen und menschenverachtenden Verfolgung Andersdenkender (Fundamentalismus).

Die traditionelle Moral nahm die Prinzipien (Saturn) zu ernst und ließ für die konkrete Situation (Uranus) zu wenig Spielraum. Damit wurden auch die Menschen mit ihrem Begabungspotential, wie es das Horoskop widerspiegelt, nicht wirklich ernst genommen. Die moderne Moral setzt individualistisch auf die Ausnahmen von der Regel und ist in der Gefahr, sich selbst aufzulösen. Damit wird letztlich auch einer allgemeinverbindlichen staatlichen Ordnung die Grundlage entzogen.

Die Psychologische Astrologie kann nun die moralische Orientierung in zweifacher Hinsicht unterstützen: Einerseits beschreibt sie durch die Interpretation des persönlichen Horoskops die besondere Veranlagung eines Menschen und macht dadurch seine einmalige Sicht des Lebens (mit allen Schwierigkeiten) verständlich. Dadurch wird der Horizont deutlich, in dem für einen konkreten Menschen ethische Entscheidungen überhaupt erst möglich werden. Andererseits unterstützt sie moralische Entscheidungen durch objektive Gesetzmäßigkeiten (Prinzipien), weil sie als Lehre von den Lebensenergien die Bedingungen des gesunden Lebens kennt.

Hinzugenommen werden muß nun aber noch eine dritte Überlegung, die sich nicht allein aus der astrologischen Gesetzmäßigkeit herleiten läßt: Wenn man die Erkenntnisse der Philosophie und der Religion ernst nimmt, die besagen, daß der Mensch auf ganz verschiedenen Wirklichkeitsebenen lebt, und zwar auf einer pflanzlich-organischen Ebene, auf einer körperlich-vitalen Ebene, auf einer geistig-seelischen Ebene und auf einer spirituell-religiösen Ebene (man spricht in der Psychologischen Astrologie in diesem Zusammenhang vom senkrechten Weltbild), dann müssen auch die Horoskop-Energien, ganz gleich an welcher Stelle des Horoskops sie stehen, auf allen vier Manifestationsebenen gelebt werden, denn das Horoskop mit seinen Informationen gilt immer für den ganzen Menschen.

Eine astrologische Moral fordert also nicht nur die horizontale, sondern auch die vertikale Integration!

(vgl. die Übersicht Manifestationsebenen)

Die horizontale Integration, also die Balance zwischen den Yang- und Yin-Energien des Horoskops, wird maßgeblich von den Energien Uranus (Wassermann) und Neptun (Fische) gesteuert. Sie bilden gewissermaßen die Hauptschalter des Horoskops. Dieselben Energien sind aber auch für die vertikale Integration verantwortlich. Dabei drängt der uranische Pol zur körperlich-vitalen Manifestation, der neptunische hingegen zur geistig-seelischen bzw. zur spirituell-religiösen Verwirklichung der Horoskopenergien.

(vgl. das Schaubild Wirkungen von Neptun und Uranus)

In der heutigen Zeit wird oft vom Werteverlust gesprochen. Damit ist gemeint, daß die Werte, die zur geistig-seelischen Manifestationsebene (Verständnis, Rücksicht, Toleranz, Hilfsbereitschaft, Streben nach Erkenntnis und Gerechtigkeit, Verantwortung usw.) und die zur spirituell-religiösen Manifestationsebene gehören (Vertrauen in das Leben, Gottesliebe, Opferbereitschaft, Verzicht auf Glücksansprüche, Bedürfnislosigkeit, Gelassenheit usw.), mehr und mehr verloren gehen. Gleichzeitig werden allerdings die Werte der körperlich-vitalen Ebene (Geld, Besitz, Ansehen, Macht, Wirtschaft, Konkurrenz, Karriere, Schönheit, Fitness, Wellness, Sex, Vergnügen usw.) maßlos übertrieben.

(vgl. das Schaubild Die eindimensionale Moral)

In Beratungssituationen ist es geradezu typisch, daß die Klienten das Problem haben, ihre Spannungsaspekte nur auf einer körperlich-vitalen Ebene leben zu können. Da auf dieser Ebene eine echte (gleichzeitige) Integration solcher "unverträglichen" Energien nicht möglich ist, bleibt nur die Methode übrig, diese Energien nacheinander zu befriedigen, wodurch aber die betreffenden Menschen hin und her gerissen werden und sich auch oft überfordert fühlen.

Der entscheidende Rat des Astrologen sollte sich deshalb nicht allein darauf beschränken, den Klienten zu ermutigen, bestimmte Energien, die bisher im Schatten lagen, ins Leben einzubringen, sondern nach Wegen einer tieferen geistig-seelischen bzw. spirituell-religiösen Befriedigung dieser Energien zu suchen und diese einzuüben.

(vgl. den Artikel Integration und Verinnerlichung)

2. Ojektive und subjektive Moral

In der Realität ist es nun leider nicht möglich, das Leben nur nach der normativen Seite auszurichten, wie ich sie in dem Abschnitt "Horizontale und vertikale Moral" beschrieben habe, selbst wenn für die situationsbedingten und persönlichkeitsbedingten Ausnahmen ausreichend Platz gelassen wird. Das hat mit der Situation dieser Welt zu tun, in die wir Menschen eingebettet sind und die die Theologen als "gefallene Welt", die unter der Herrschaft der Sünde steht, beschreiben. Das bedeutet, die Menschen haben die Verbindung zu ihrem göttlichen Ursprung und Ziel verloren und greifen in unterschiedlicher (und zwar immer in übertriebener bzw. untertriebener) Weise eigenmächtig nach einem Halt in der Welt.

Mit dem Begriff der Erbsünde können die Menschen heute nicht mehr viel anfangen, aber jeder könnte sich die damit gemeinte Wirklichkeit vorstellen, wenn er sich bewußt macht, daß er die erste und maßgebende Ausprägung seines Begabungspotentials (Horoskop) in seinem Elternhaus erfahren hat. Erwartungen und Ängste der Eltern, die sich oft in Einschärfungen und in der Verweigerung von Zuwendung ausdrückten, haben damals neben vielem Guten auch zu einer neurotischen Verbiegung der Persönlichkeit geführt, so daß einzelne Begabungen übertrieben wurden, während andere im Schatten blieben. Nichts anderes ist mit dem Begriff der Erbsünde gemeint: die Kinder erben die neurotische Situation ihres Elternhauses.

Jeder Mensch befindet sich also nicht nur aufgrund seiner Veranlagung (Horoskop) sondern auch aufgrund seiner Biographie auf einem ganz persönlichen Lebensweg. Dieser Weg ist immer durch viele Schmerzen und Enttäuschungen hindurchgegangen, die den Menschen schon in der frühen Kindheit (oft traumatisch) geprägt haben. Es ist deshalb gar nicht möglich und auch nicht zu erwarten, daß das Verhalten eines Menschen in jeder Situation rundherum in Ordnung ist. Insofern kann ein Klient als Erwachsener nicht einfach sein Horoskop (in der gesunden Form) in die Tat umsetzen, wenn es ihm ein Astrologe (hoffentlich richtig) erklärt hat.

Sowohl im Hinblick auf die Vielfältigkeit und Unübersichtlichkeit der Lebenssituationen als auch im Hinblick auf den unterschiedlichen moralischen Entwicklungsstand der Menschen wäre es bei unserem heutigen psychologischen Wissen zu einfach, Menschen allein nach objektiven Normen (einschließlich der notwendigen Ausnahmen) beurteilen zu wollen.

Diese Gefahr kann man z.B. sehr gut am Problem der Abtreibung erkennen. Die traditionelle Moral vor allem der Kirchen vertrat rigoros den Standpunkt: Abtreibung ist Mord! Danach wurde ein Mensch, der abtreibt, zu einem Verbrecher. Die moderne Moral vor allem der Emanzipationsbewegung verkündete genauso vehement den Grundsatz: Mein Bauch gehört mir! Danach konnte ein Mensch letztlich machen, was er wollte und wäre nicht dazu verpflichtet, eine unbequeme Situation aushalten zu müssen. Es läßt sich vielleicht erkennen, daß beide Standpunkte überzogen sind.

Dieser Einsicht tragen inzwischen auch die Kirchen Rechnung, vor allem in der praktischen Seelsorge. Sie wissen darum, daß sich jeder Mensch ethisch gesehen auf einem ganz persönlichen Weg befindet, der notwendigerweise ein krummer Weg sein muß. Die moderne Religiösität setzt daher eher auf den guten Willen und das geduldige Bemühen um Vervollkommnung als auf die Erfüllung von idealen moralischen Geboten.

Auch in der astrologischen Beratungssituation wäre es ganz und gar verkehrt, dem Klienten mit moralischen Vorwürfen zu begegnen. Der Astrologe muß jene schwierige Balance zwischen objektiver und subjektiver Moral durchhalten, indem er einerseits die objektiven Möglichkeiten der inneren Energiesituation des Horoskopeigners offenlegt (die es zu erfüllen gilt), und andererseits seinen Respekt vor der Undurchsichtigkeit der subjektiven ethischen Schwierigkeiten des Klienten dadurch bezeugt, daß er sich eines richtenden Urteils enthält.

(vgl. das Schaubild Das Entscheidungsdreieck)

Vielleicht könnte gerade die Psychologischen Astrologie mit ihrem Wissen um die Lebensgesetze helfen, den Anspruch auf eine verbindliche Moral (Saturn/Chiron/Neptun) hochzuhalten und gleichzeitig Verständnis für den notwendigen persönlichen Freiheitsraum (Saturn/Chiron/Uranus) wecken, der für den modernen Menschen auf seinem Lebensweg  unverzichtbar ist.

 

Rolf Freitag, Schule für Psychologische Astrologie in Heiligenhaus, 2011

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