Der richtige Platz im Leben

Es wird normalerweise die Empfehlung gegeben, daß die Menschen aus den neurotischen Lebensrollen von Opfer, Retter, Verfolger und Chaot aussteigen sollen. Damit entsteht der Eindruck, als könnten die Menschen ihre besondere Veranlagung gewissermaßen neutralisieren und auf ein durchschnittliches normales Maß herabdrücken. Das ist aber nicht der Fall.

In Wirklichkeit sollen die Menschen zwar ihre neurotischen Lebensmuster loslassen, aber trotzdem ihre besondere Veranlagung beibehalten, die hinter diesen falschen Lebensmustern steht. Das Problem zeigt sich an dem falschen Platz im Leben, den sie bisher eingenommen haben, weil sie dort mit ihrer Veranlagung nicht leben können. Es geht vor allem darum, den richtigen Platz im Leben zu finden, der zur jeweiligen Veranlagung und Erziehung paßt. Solange wir diesen Platz noch nicht gefunden haben, liegen wir im Streit mit uns und der Umwelt und erleben diesen Konflikt als Frustration und Leid.

Das Elternhaus gibt immer das Modell im Kleinen ab, wie der richtige Platz im Leben aussehen könnte. Die Rolle, die wir dort eingenommen haben, ist derjenigen sehr ähnlich, die wir als Erwachsene draußen im Leben spielen sollen. Je extremer dieses Elternhaus aber gewesen ist, desto schwieriger ist es, einen ähnlichen Platz im Leben zu finden.

Auf dem Weg zu unserem richtigen Platz bekommen wir vom Leben die Widerstände zu spüren, die uns zur Bescheidenheit zwingen. Wir sollen unsere Eigenmächtigkeit verlieren und dabei erfahren, daß wir nicht uns selbst gehören, sondern einer höheren Wirklichkeit verpflichtet sind.

Das Durchlässigwerden für dieses größere Leben (Transzendenz) ist die Voraussetzung dafür, daß wir unsere besondere Veranlagung genau an der Stelle mit Bescheidenheit einbringen können, wo sie zur Gesamtheit des Lebens paßt.

Wir dürfen also den Menschen nicht ihre Einmaligkeit und Originalität abzuhandeln versuchen, selbst dann nicht, wenn sie extrem ist. Wir müssen sie aber daran hindern, daß sie diese besondere Veranlagung an jeder beliebigen Stelle des Lebens hemmungslos und damit destruktiv auszuleben versuchen. Unter Umständen müssen manche Menschen sogar mit einem gewissen Nachdruck von dem Platz vertrieben werden, wo sie nicht hingehören.

Der gesunde Mensch ist daran zu erkennen, daß er mit seinen besonderen Begabungen genau dort steht, wo das Leben ihn braucht. In diesem Fall wandelt sich die Opferrolle zu einer anpassungsfähigen Rücksicht, die Retterrolle zu einem verantwortungsbewußten Dienen, die Verfolgerrolle zu einer leistungsfähigen Zielstrebigkeit und die Chaotenrolle zu einer kreativen Selbstdarstellung. Der Mensch verwirklicht dann seine Eigenart so, daß er dem Leben nicht mehr im Weg steht, sondern sich ihm einfügt.

Die Freiheit des Menschen geht aber meiner Meinung nach nicht so weit, daß er sein Skriptgefüge völlig hinter sich lassen kann. Unter Streß wird er auch als gesunder Mensch immer zu dem Verhaltensmuster greifen, das hinter seiner verdeckten Hauptrolle als positiver Kern verborgen liegt. Allerdings paßt dann dieses Verhaltensmuster genau zu den Aufgaben, die sein Platz im Leben mit sich bringt.

Damit hat der Mensch auch den Bezug zu seiner inneren göttlichen Quelle wiedergefunden, die ihn kräftigt und lebendig erhält. Ohne diesen Bezug würde er mit seinen natürlichen Fähigkeiten austrocknen. Er wäre - ganz allein auf sich gestellt - auch nicht bereit, den ihm von seinem Schöpfer zugedachten Platz im Leben zu akzeptieren und mit Gelassenheit auf Dauer auszufüllen.

(vgl. das Schaubild Dynamik des Lebens)

An dieser Stelle muß aber vor einem naheliegenden Wunschdenken gewarnt werden, wie es in esoterischen Kreisen sehr verbreitet ist: Die Welt ist leider nicht so, daß ein Mensch vom Leben immer den Platz zugewiesen bekommt, den er mit seinen Begabungen ausfüllen kann. Das ist auch dann nicht der Fall, wenn er sich durch großes Leid langsam in eine innere Balance gebracht hat und am Ende in einer fast heiligmäßigen Ausgeglichenheit lebt.

Das Schicksal ist eben nicht gerecht (ich jedenfalls glaube an keine karmisch bedingten Wiedergeburten, die die Gerechtigkeit herstellen) und es gibt auch keine Befreiung vom Schicksalszwang. In vielen Fällen besetzen ungeeignete Menschen wichtige Plätze und die gesunden und fähigen Menschen, die eigentlich dorthin gehören, gehen leer aus. Das ist eine realistische Erfahrung, die jeder Mensch im Leben immer wieder macht. Offensichtlich hat nicht nur der Einzelne ein Problem, sein Leben in eine gesunde Balance zu bringen, sondern auch die Welt als Ganze besitzt eine neurotische Struktur, was sich darin bezeugt, daß manche Menschen unverdient in den Himmel gehoben werden und andere den gerechten Lohn für ihre Mühen nicht bekommen.

Der Christ weiß daher, daß er seinen richtigen Platz im Leben unter Umständen dadurch ausfüllt, daß er sich mit einer letzten Gelassenheit damit abfindet, nicht an dem Platz angekommen zu sein, den er sich gewünscht hat und der ihm nach all den Mühen und Kämpfen seines Lebens nach menschlichem Ermessen gerechterweise auch zugestanden hätte. Er weiß, daß er die Ungereimtheiten und das Leid der Welt in seinem Leben selbst dann mittragen muß, wenn sie für seine persönliche Weiterentwicklung nicht unbedingt mehr erforderlich sind.

Rolf Freitag, Schule für Psychologische Astrologie in Heiligenhaus, 2011

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