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Psychosen

Von Psychosen sprechen die Psychologen, wenn der Realitätsverlust eines Menschen über die Schieflage einer Neurose hinausgeht. Solchem Menschen fehlt dann weitgehend das Erwachsenen-Ich, das dafür verantwortlich ist, daß das Leben "realitätsgerecht" im Hier und Jetzt geführt werden kann. Es handelt sich dabei immer um ein äußerst extremes Verhalten, das für den "normalen" Menschen eigentlich nicht mehr nachvollziehbar ist. Man kann aber die Entstehung einer Psychose mit Hilfe des Skriptgefüges zumindest theoretisch erklären, indem man sich die Spannung zwischen dem Oberflächen- und dem Streßbereich des Lebens bewußt macht, die auch für jeden normalen Menschen, der nur eine neurotische Störung hat, von grundlegender Bedeutung ist.

Wenn es nämlich einem erwachsenen Menschen unter den Bedingungen seiner frühkindlichen Erfahrungen im Elternhaus aus irgendeinem Grund nicht gelungen ist, an der Oberfläche seiner Persönlichkeit eine einigermaßen ausgeglichene Verhaltensweise zu etablieren (Lock- und Verführungsrolle / Verteidigungsrolle), die der Umwelt ein erträgliches Auskommen mit ihm ermöglicht, dann zeigt der betreffende Mensch bereits in normalen Alltagssituationen ein starkes Fehlverhalten. Der tiefer liegende dämonische Teil seiner Persönlichkeit (verdeckte Hauptrolle / verdrängte Schattenrolle) bricht dann auch ohne Streßbelastung ständig in die Normalität durch. Damit muß das Leben eines solchen Menschen vollständig unberechenbar werden und droht zu entgleisen, weil er schon auf ganz normale Situationen in Beziehung und Beruf völlig übertrieben reagiert. Der extreme Realitätsverlust der psychotischen Persönlichkeit kann nach folgenden Grundmustern typologisiert werden:

(vgl. die Übersicht Typologie der neurotischen Lebensrollen)

1. Die aggressive Psychose

Der Erwachsene lebt nur seine dynamischen und extravertierten Impulse (reines Uranus-Skript). Er strebt einerseits ständig Veränderungen an (Verfolger), ist dabei aber völlig hemmungslos und unberechenbar (Chaot). Deshalb nimmt er keinerlei Rücksicht auf die Bedürfnisse anderer Menschen, auf die nachfolgende Generation, aber auch nicht auf die natürlichen Lebensgrundlagen und den Zusammenhalt der Gesellschaft. Er ist nicht bereit, irgendwelche Opfer zu bringen, sondern betreibt allein ehrgeizig (Verfolgung) seine persönliche Selbstverwirklichung (Chaotik).

Politisch entspricht diese Form der Psychose dem frühkapitalistischen Liberalismus, wie er z.B. von Adam Smith beschrieben worden ist, der glaubte, daß der allgemeine Wohlstand am besten durch rücksichtslosen Wettbewerb (Chaotik / Verfolgung) ohne Einmischung des Staates gefördert werden könne.

2. Die depressive Psychose

Der Erwachsene möchte möglichst wenig ändern in seinem Leben. Der Grund hierfür liegt in einer großen Ängstlichkeit gegenüber der Realität (reines Neptun-Skript). Diese Menschen ziehen sich entweder in ihre Träume zurück (Opfer) oder sie versuchen mit großem Mitleid, die Dynamik des Lebens anzuhalten und ihren Mitmenschen negative Erfahrungen zu ersparen (Retter). In beiden Fällen fehlt ihnen die Fähigkeit zu einer aggressiven Selbstbehauptung bzw. zum Mut für schmerzhafte Veränderungen. Auch der Retter drückt sich vor dem normalen Leben, indem er sich ein schwaches Opfer sucht, das er mit seiner übertriebenen Hilfe, die dem Opfer oft geradezu aufgedrängt wird, seelisch ausbeutet.

3. Die elterliche Psychose

Der Erwachsene übersteigert die Verantwortung (Retter / Verfolger) so stark, daß er den notwendigen Ausgleich in einer kreativen spontanen Tätigkeit, aber auch in einer normalen menschlichen Schwäche gänzlich verliert. Er lebt ohne Ansprüche nur noch den Pol der Verpflichtung gegenüber gesellschaftlichen Notwendigkeiten und Traditionen (reines Yin-Skript) und diesen mit einem so großen Fanatismus, daß die Spannung zwischen dem inneren Kind-Ich und dem Realitätsprinzip nicht nur gestört wird, sondern vollständig zerbricht. Solche Menschen erschöpfen sich oft in übertriebener Hilfsbereitschaft, sind jedoch gern Moralprediger bzw. Prinzipienreiter, die es nicht ertragen, daß andere Menschen sich Freiheiten herausnehmen, die sie sich selbst nicht zugestehen.

4. Die kindliche Psychose

Der Erwachsene verweigert den Einstieg in die Verantwortung vollständig, indem er den Anforderungen der Realität konsequent aus dem Weg geht (reines Yang-Skript). Damit wird das Leben allein nach dem kindlichen Anspruchsdenken organisiert. Der Mensch tut nur noch das, was ihm Spaß macht, beruft sich auf seine Schwäche und läßt sich nicht mehr durch unangenehme Pflichten beanspruchen (Chaot / Opfer). Mit großem verbalen Geschick gelingt es ihm meistens, einen guten Eindruck bei den Mitmenschen zu erwecken (Selbstdarstellung), während er aber im Grunde darauf aus ist, es sich bequem zu machen und seine Mitmenschen in ihrer Gutmütigkeit auszunutzen (Opfer). In der Freizeit gefallen sich solche Menschen oft darin, Unterhaltungsangebote passiv zu konsumieren.

5. Die rebellische Psychose

Der Erwachsene ist ein übertrieben angepaßter Mensch, der es in seiner Empfindlichkeit nicht wagt, sich selbst mit einer vernünftigen Leistung durchzusetzen (Opfer). Er sucht deshalb ständig nach einer Entschuldigung für seine fehlende Selbstverwirklichung, die er in der Behauptung findet, daß sich zunächst die Situation ändern müsse, die ihm Schwierigkeiten bereitet. Aus diesem Grund werden alle möglichen Sündenböcke angegriffen (Verfolger), die nach seiner Meinung für seine belastende Situation verantwortlich sind.

Im politischen Bereich wurde diese Form der Psychose z.B. im deutschen Faschismus manifestiert. Das Kleinbürgertum, daß mit seiner rückwärts gewandten angepaßten Einstellung vor allem in der Weltwirtschaftskrise von 1929 bis 1932 im kapitalistischen Wettbewerb nicht mehr Schritt halten konnte (Opfer), wandte sich mehrheitlich einer aggressiven Ideologie zu, die eine einfache Lösung für die politischen Probleme versprach, indem innenpolitisch ein Sündenbock (die Juden) und außenpolitisch letztlich bewußt der kriegerische Konflikt gesucht wurde (Verfolgung).

6. Die ideologische Psychose

Der Erwachsene ist einerseits bereit, den Erwartungen seiner Umwelt zu entsprechen und ein besonders hilfsbereiter Mensch (Retter) zu sein. Er hat aber andererseits besonders eigenwillige Vorstellungen davon, wie diese Hilfe geleistet werden soll (Chaot).

Im politischen Bereich ist das die Position der linksradikalen Ideologen. Sie haben großes Mitleid mit den Verlierern in der Gesellschaft, von denen sie glauben, daß sie an ihrem persönlichen Unglück völlig unschuldig sind. Deswegen versuchen sie mit erheblichen idealistischen Einsatz die gesellschaftlichen Verhältnisse in der Weise zu ändern, daß zwischen den Menschen keine ausbeuterischen Beziehungen mehr möglich sind (Retter). Dabei setzen sie sich, wahrscheinlich ohne es zu merken, mit ihren illusionären revolutionären Ideen vor allem selbst in Szene (Chaot).

Natürlich gibt es bei allen Formen viele Übergänge zwischen neurotischem und psychotischem Vehalten. Außerdem wird jedes Verhalten durch die übrigen Energien des Horoskops, die der jeweiligen Grundorientierung eingegliedert werden, verschieden gefärbt.

Rolf Freitag, Schule für Psychologische Astrologie in Heiligenhaus, 2011

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