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Der Irrtum der Esoterik

Die Verabsolutierung des Karma-Gedankens

Die Astrologie wurde Ende des 19. Jahrhunderts in Europa von der Theosophie nach einer langen Zeit des Schattendaseins neu belebt, vor allem durch die Begegnung mit dem indischen Subkontinent. Aus dieser Zeit der "Wiedergeburt" haften ihr zwei Mängel an: einmal der Glaube an die Vorhersagbarkeit von Ereignissen, die sich an bestimmten Konstellationen (Progressionsstellungen, Transiten, Returns der persönlichen Planeten, Alterspunkt usw.) ablesen lassen, zum anderen die Überzeugung von der Möglichkeit einer permanenten Selbstvervollkommung des Menschen bis hin zur völligen Befreiung vom Schicksalszwang.

Der Glaube an die Vorhersagbarkeit von Ereignissen ist eine typische Eigenart der indischen Astrologie. Er wurde von der Revidierten Klassik Anfang des zwanzigsten Jahrhunderts (Thomas Ring, Herbert Freiherr von Klöckler und anderen) stark relativiert und letztlich daraufhin eingeschränkt, daß in einer Psychologischen Astrologie lediglich Trends (z.B. Krisen- und Wandlungszeiten) festgestellt werden können, nicht aber Schicksalsgewißheit über die dazugehörigen konkreten Ereignisse.

Es muß allerdings kritisch festgehalten werden, daß sich auch heute noch die weitaus meisten praktizierenden Astrologen in Deutschland keineswegs an ein solches Programm der Bescheidenheit halten. Nicht nur in der Vulgärastrologie der Massenmedien, sondern auch in der persönlichen Beratung versuchen viele psychologisch arbeitende Astrologen zukünftige Ereignisse vorauszusagen. Dabei zählen zu den Klienten sogar hochgestellte Persönlichkeiten aus Wirtschaft und Politik, was insofern erstaunlich ist, als diese Persönlichkeiten ansonsten durchaus gewöhnt sind, rationale Entscheidungen zu treffen.

(vgl. den Text Voraussage von Ereignissen)

Es gibt aber Gottseidank eine starke Minderheit von Psychologischen Astrologen in Deutschland, die es ablehnt, Schicksalsvorausagen zu machen. Diese Gruppe ist aber leider keineswegs gegen die andere Versuchung der Astrologie gefeit, nämlich gegen die Esoterische Astrologie, in der sich viel vom Gedankengut der Theosophie wiederfindet. Im Unterschied zur Psychologischen Astrologie, die ihren Klienten lediglich zu einer besseren Selbsterkenntnis verhelfen will, ist die Esoterische Astrologie eine Weltanschauung und eine Selbsterlösungslehre.

Das Weltbild der Esoterik geht davon aus, daß die (unpersönlich vorgestellte) Gottheit mit Notwendigkeit "Entäußerungen" (Emanationen) erlebt, durch die auch unsere Welt entstanden ist. Die transzendente Gottheit hat sich also in diese Welt gewissermaßen "eingewickelt" (Involution). Als Sinn dieses Prozesses werden von Esoterikern gern Bewußtseinserfahrungen genannt, die die Gottheit selbst machen wollte und die ihr auf andere Weise nicht möglich gewesen wären. Hier wirken typische Vorstellungen des Neuplatonismus und der Gnosis nach, die das philosophische Denken des Abendlandes schon seit zweitausend Jahren mitbestimmen.

Der Emanationsprozeß der Gottheit durchläuft nach Ansicht der Esoteriker verschiedene Stufen, die rangmäßig unterschieden sind. Die obersten ("lichten") Bereiche sind vom Geist geprägt, der niederste ("dunkelste") und gottfernste Bereich ist die Materie. Nachdem die Gottheit bis in die Materie hinabgestiegen ist, beginnt nun der umgekehrte Weg der Erlösung: Die Gottheit wickelt sich gewissermaßen aus der Materie wieder aus (Evolution), durchläuft die verschiedenen Emanationsstufen rückwärts bis sie wieder ganz bei sich selbst ist und gewinnt bei diesem Erlösungsprozeß Bewußtheit.

Der Mensch als Wesen mit Körper, Geist und Seele bezeichnet dabei durch seine Wesensart den Weg, den die Gottheit im Ab- und Aufstieg zu gehen hat. In ihm hat sich die Gottheit bis in die Tiefen der dunklen Materie verloren, in ihm beginnt auch ihr Rückweg unter Führung des Geistes.

Die einzelnen Emanationsstufen sind aber nicht nur Teil des Abstiegs der menschlichen Seele in die Materie und ihres Aufstiegswegs bis hin zur Verschmelzung mit der Gottheit, sondern sie sind gleichzeitig Ebenen, die unabhängig vom Menschen für sich bestehen. Es wird neben der grobstofflichen Ebene des Materiellen die Ätherebene, die Astralebene und die mentale Ebene unterschieden, der im Menschen die pflanzliche Vitalseele, die animalische Seele und die Geistseele entsprechen. Darüber hinaus wird behauptet, daß es eine kausale, eine universale und eine kosmische (göttliche) Ebene gibt, die der Mensch durchlaufen muß, um zur Vereinigung mit der Gottheit zu gelangen. So existieren nach Ansicht der Esoterik insgesamt sieben Sphären der Wirklichkeit, wobei offensichtlich das heilige Prinzip der Sieben Pate gestanden hat, das in der alten Numerologie als Symbol der Vollkommenheit gilt und das sich ebenfalls in vielen anderen Wirklichkeitsbereichen wiederfindet.

Der Weg der Erlösung ist für die Esoteriker ein Weg der Bewußtseinserweiterung. Das Ziel ist die Erlangung eines reinen kosmischen Bewußtseins des mit der Gottheit verschmelzenden Geistes, der dann seine grobstoffliche Hülle sowie seine ätherische und seine Astralseele hinter sich gelassen hat. Da dieser Weg in einem Menschenleben nicht zu Ende gegangen werden kann, glaubt der Esoteriker an die Möglichkeit der Wiedergeburt, die so oft erfolgt, bis der Zustand der Vollkommenheit erreicht ist.

Die Esoterische Astrologie ordnet nun den Emanationsstufen der Gottheit die bekannten Planeten unseres Sonnensystems zu. Jeder Planet regiert eine Stufe (Sphäre), die die menschliche Seele auf ihrem Weg der Inkarnation (unbewußt) zu durchlaufen hat und die sie auf ihrem (bewußten) Weg zur Vollkommenheit auch wieder emporsteigen muß. Die Planeten werden dabei nach ihrer Geschwindigkeit geordnet (chaldäische Reihe). Der Mond als der am schnellsten laufende Planet entspricht der grobstofflichen Ebene (Materie), dann folgen Merkur (ätherische Ebene), Venus (astrale Ebene), Sonne (mentale Ebene), Mars (kausale Ebene), Jupiter (universale Ebene) und Saturn (kosmische Ebene). In den von der Kabbala inspirierten Systemen (Lebensbaum) geht man von zehn Emanationsstufen aus, so daß die später entdeckten Planeten Uranus, Neptun und Pluto ("Höhere Dreiheit") als Regenten der drei Sphären jenseits von Saturn (Fixsternhimmel, Kristallhimmel, Himmelsrose) ebenfalls einen Platz finden.

(Beschreibung der esoterischen Vorstellungen nach Ben-Alexander Bohnke: "Esoterik". Verlag Econ 1991)

Diese Esoterische Astrologie halte ich, wie gesagt, für einen großen Irrtum. Im folgenden werde ich versuchen, meine Argumente darzulegen. Zunächst aber soll festgehalten werden, daß es zwischen Esoterik und christlicher Religion auch viele Gemeinsamkeiten gibt.

Nach Bohnke bestehen die Gemeinsamkeiten in einem Glauben an:

Es muß auch zugestanden werden, daß die Kritik der Esoterik an den christlichen Kirchen weitgehend berechtigt ist, denen vorgeworfen wird, daß sie den Glauben zu sehr exoterisch leben, also zu großes Gewicht auf äußere Verhaltensweisen (Zustimmung zu einzelnen Glaubenssätzen, Gehorsam gegenüber moralischen Geboten, Vollzug traditioneller gottesdienstlicher Zeremonien) legen und den Weg für eine innere Erfahrung der transzendenten Wirklichkeit Gottes nicht ausreichend vermitteln.

(vgl. den Artikel Astrologie und christliche Religion)

Diese Kritik gilt allerdings nicht für die christlichen Mystiker, die immer daran festgehalten haben, daß Gott für den Menschen nicht nur transzendent, sondern ihm auch immanent ist. Sie haben allerdings gleichzeitig betont - und hier liegt der entscheidende Unterschied zur Esoterik - daß die im Menschen wirkende göttliche Gnade für den Menschen unverfügbar bleibt.

Im Neuen Testament wird an vielen Stellen davon gesprochen, daß der transzendente Gott im endlichen Menschen lebt und wirkt. Jesus selbst bezeugt, daß er (auch in seiner Menschlichkeit) mit Gott, dem allmächtigen Vater, eins ist. Die Glaubenden werden nach dem Verständnis der Kirche durch die Taufe in Christus eingepflanzt, sie sind mit ihm verbunden wie die Reben mit dem Weinstock. Paulus spricht davon, daß nicht er lebe, sondern Christus in ihm. In neuerer Zeit hat der Mystiker Karlfried Graf Dürckheim immer wieder mit Nachdruck vertreten, daß die Anwesenheit Gottes zur Wirklichkeit des Menschen gehört, besonders in seinem Buch "Vom doppelten Ursprung des Menschen".

Obwohl also esoterisch lebende Christen in vieler Hinsicht in der außerchristlichen Esoterik mit ihrer Betonung der geistigen Welt und ihrem Bewußtsein von einer Hierarchie der Wirklichkeit mit einem göttlichen, absoluten Sein an der Spitze einen Verbündeten gegen den modernen auf Naturwissenschaften, Technik, Wirtschaft und Konsum gestützten Materialismus haben, muß dennoch eine klare Trennungslinie gezogen werden. Sowohl das Welt- und Menschenbild als auch die Erlösungsvorstellungen der Esoterik können von Christen nicht akzeptiert werden.

Ich will an dieser Stelle nicht auf alle Kritikpunkte ausführlich eingehen. Es dürfte klar sein, daß die Esoterik mit ihrer Vorstellung von einem kosmischen Bewußtsein nicht die Wirklichkeit des biblischen Glaubens an einen personalen Gott trifft, der sich um die Menschen sorgt, mit den Menschen einen Bund geschlossen hat, der durch Moses und die Propheten gesprochen hat und der der Vater Jesu Christi ist. Desgleichen entspricht die Ansicht von notwendigen Emanationen der Gottheit, die ihr zu einem Bewußtseinsfortschritt verhelfen sollen, ganz und gar nicht der christlichen Vorstellung von einem absoluten und in sich vollkommen seligen Gott, der nichts außerhalb seiner unendlichen Wirklichkeit bedarf und der in seiner Allmacht die Welt aus freiem Willen und ohne jede Notwendigkeit aus dem Nichts geschaffen hat. Auf klare Ablehnung muß auch die Lehre stoßen, daß Gut und Böse mit zu der Polarität gehören, die unsere Welt konstituiert, so daß eine Erlösung von Schuld damit überflüssig wird.

Es ist für Christen schließlich nicht hinnehmbar, wenn die Rolle von Jesus Christus als Erlöser der Welt darauf reduziert wird, daß er lediglich als besonders hoch entwickeltes Wesen, eben als "Geistlehrer", neben anderen wie Sokrates oder Buddha respektiert wird.

Alle diese Einwände werden natürlich nur die überzeugen, die im Glauben der christlichen Religion verankert sind. Die Esoteriker, die letztlich alle Religionen lediglich als geistige Anregungen für ihre Selbsterlösungsvorstellungen anerkennen, werden sich davon nicht beeindrucken lassen. Ich will darum zum Schluß das Argument besprechen, das meiner Meinung nach am deutlichsten den Irrtum der Esoterik offenlegt und das auch ohne christlichen Hintergrund verständlich ist:

Die Esoteriker hoffen, wie gesagt, durch ständigen Bewußtseinsfortschritt am Ende zu einem vollkommenen kosmischen Bewußtsein zu gelangen und auf diese Weise mit der Gottheit zu verschmelzen. Das Leben in dieser Welt ist für sie ein ständiger Lernprozeß, der sich auch nach dem physischen Tod in der ätherischen, in der astralen und in der mentalen Welt fortsetzt, bis sich die Seele zu einer erneuten Inkarnation in der grobstofflichen Welt der Materie entschließt, um neue Erfahrungen zu machen.

Mein Einwand ist folgender: Es ist grundsätzlich nicht möglich und nach der Logik auch nicht vorstellbar, daß begrenzte Erfahrungen, wie sie ein Mensch in seiner endlichen Welt machen kann, selbst wenn sich diese im (ebenfalls begrenzt vorgestellten) Jenseits fortsetzen und durch weitere Inkarnationen unendlich verlängert werden, am Ende zu einem unendlichen (göttlichen) Bewußtsein führen. Der endliche Mensch bleibt - was immer er tut - in seiner Endlichkeit eingesperrt.

Die Begegnung mit der Unendlichkeit kann der Mensch nicht eigenmächtig "erleisten", auch wenn er sich in asketischer Meditation geduldig abmüht und in seinem Leben noch so viele Erfahrungen macht. Er kann nicht - astrologisch gesprochen - über die Planetensphären in die Transzendenz "hineinklettern". Die unendliche Wirklichkeit Gottes kann ihn nur ergreifen, und die eigentliche Leistung des Menschen besteht letztlich darin, daß er sich ergreifen läßt, was aber bedeutet, daß er mit seiner Selbstherrlichkeit dem Wirken Gottes in seiner Seele Platz macht.

Die Esoteriker müssen sich dieser Einsicht verschließen, weil sie vom Leben eine einseitig kausale Vorstellung haben. Nach ihrer Ansicht erntet der Mensch mit unerbittlicher Konsequenz das, was er selbst zuvor gesät hat. Diese Lehre vom Karma, die in Indien vor etwa 4000 Jahren entwickelt worden ist, reduziert aber - astrologisch gesehen - das Schicksal eines Menschen auf das Saturnprinzip. Das mag für die Zeit des sich entwickelnden Hinduismus verständlich gewesen sein, da es zu jener Zeit noch kein Bewußtsein von den uranischen und neptunischen Energien gegeben hat. Das menschliche Leben wurde deshalb folgerichtig als ein sich selbst bedingender Prozeß von der Geburt über den Tod zur Wiedergeburt aufgefaßt, wobei die Beobachtung der Vorgänge in der Natur eine maßgebliche Rolle gespielt hat (Stierzeitalter). Für den Psychologischen Astrologen des 21. Jahrhunderts gibt es aber keinen vernünftigen Grund, sich freiwillig auf eine rein saturnische Sicht des Lebens zu beschränken.

Natürlich will ich hier nicht bestreiten, daß im Schicksal eines Menschen viele Elemente enthalten sind, die tatsächlich durch sein eigenes früheres Handeln bedingt sind. Das Saturnprinzip behält ein relatives Recht. So wird z.B. die Krebserkrankung eines Rauchers durchaus in einem kausalen Zusammenhang mit dessen Sucht stehen. Da die Esoteriker jedoch der Lehre vom Karma eine absolute Gültigkeit zusprechen, kann es für sie letztlich keinen Zufall und kein unverdientes Geschenk geben und deshalb bleibt auch für das unberechenbare und schöpferische Heilshandeln Gottes am Menschen kein Raum. Die Esoteriker glauben folglich, daß der Mensch auf einen Weg gewiesen ist, wo er ganz allein durch ständiges Bemühen (Bewußtseinserweiterung) in vielen Wiedergeburten für seine Erlösung selbst sorgen muß. In dieser Ansicht bezeugt sich aber letztlich nur die für die moderne Welt typische Einstellung zum Leben, nämlich die Überzeugung von der totalen Machbarkeit der Wirklichkeit durch den Menschen, die in diesem Fall auf die religiöse Selbstverwirklichung übertragen wird.

Es ist ein sehr schwieriges und letztlich vom Menschen nicht verstehbares Geheimnis, wie dieser Prozeß abläuft, in dem sich Gott mit dem Menschen (übrigens nach christlicher Vorstellung mit Seele und Leib) vereinigt und ihn an seiner ewigen Wirklichkeit teilhaft werden läßt. Sicher ist aber, daß das äußere Schicksal eines Menschen dafür den Weg bereitet. Das unverfügbare Schicksal (zu dem auch der Tod gehört) muß dem Menschen die Unbegreiflichkeit Gottes vermitteln, damit sich seine Selbstherrlichkeit und Eigenmächtigkeit erschöpfen können und seine Seele so frei wird für die Begegnung mit dem unbegreiflichen Gott. Wie außen, so innen!

Es ist darum zwingend erforderlich, daß der Mensch akzeptiert, daß er nicht der Herr seines Schicksals ist. Er kann weder auf einer äußeren Ebene Schicksalsgewißheit über die Ereignisse seines Lebens bekommen (wie es die alte Astrologie meinte) noch auf einer inneren Ebene seine Vollkommenheit lernfreudig selbst gestalten (wie es sich etwa die moderne Esoterische Astrologie von Thorwald Dethlefsen vorstellt).

Die (karmische) Leidensbereitschaft der Esoterischen Astrologie greift nicht weit genug: die christliche Vorstellung vom "Kreuz" im Leben meint genau diese Unbegreiflichkeit des Schicksals, die zum Leid hinzukommen muß, damit es als Medizin gegen die Selbstherrlichkeit des Menschen wirken kann und damit den Weg für die Begegnung mit dem transzendenten Gott freiräumt.

Der Mensch wird nicht im Tod gewissermaßen hoch erhobenen Hauptes seinen Leib ablegen, um in der astralen bzw. ätherischen Sphäre ein neues Bewußtsein zu erlangen, bis er sich schließlich eigenmächtig zu einer erneuten Inkarnation auf dieser Erde entschließt. Ein solcher Glaube ist durch nichts zu beweisen. Er beruft sich auf die Zeugnisse irgendwelcher selbsternannten "Eingeweihten" (Helena Blavatsky, Alice Bailey und in neuerer Zeit etwa Alan Oken), die damit lediglich bezeugen, daß sie sich mit der radikalen Entmächtigung des Menschen im Tod nicht abfinden können. Es stört sie in ihrer (wassermännischen) Selbstherrlichkeit, daß sie damit auf die Schöpfermacht Gottes angewiesen wären, der allein vom Tod zu neuem Leben erwecken kann.

Die christliche Lehre von der neuen Schöpfung am Ende der Zeit ist den Esoterikern ein Dorn im Auge, weil sie damit darauf verzichten müßten, sich durch ständigen Bewußtseinsfortschritt selbst erlösen zu können.

Damit will ich nicht bestreiten, daß die Psychologische Astrologie der Bewußtseinserweiterung dienen kann. Das ist schließlich ihre vornehmste Aufgabe und ich selbst setze sie in der Beratung so ein. Sie hat aber keine Macht über jenen letzten und entscheidenden Bewußtseinssprung, der den Menschen in den Bereich Gottes bringt. Hier hat der Astrologe demütig zurückzutreten und auf die Schöpfungsmacht Gottes zu vertrauen, sonst macht er sein Handwerk zu einer Weltanschauung.

Die Astrologie muß also auf doppelte Weise "entmystifiziert" werden: einmal durch die Befreiung von dem Wahn, Schicksalsgewißheit verkünden zu wollen, zum anderen durch die Abwendung von der Vorstellung, sich durch Aneignung der Planetenprinzipien selbst die Vollkommenheit schaffen zu können.

Die Astrologie ist ein Werkzeug der Selbsterkenntnis. Alles andere ist vom Übel!

Diese realistische Bescheidenheit ist das Kennzeichen einer guten Psychologischen Astrologie. Wer sich auf diesen nüchternen Weg begibt, wird erleben, daß er sein psychologisches Handwerkszeug besser beherrschen lernt, was sich nach meiner Erfahrung besonders auf die Deutung der sogenannten geistigen Planeten Uranus, Neptun und Pluto auswirkt. Sie bekommen erst nach der Befreiung aus einer "kosmischen" Interpretation ein wahrhaft menschliches Gesicht: Pluto als tiefe Bindungsfähigkeit (Liebe), Neptun als Mitgefühl mit der Bereitschaft zur Rücksicht und Hilfe und schließlich Uranus als Selbstverwirklichung in Freiheit mit der Fähigkeit zu Erfindung und Veränderung.

(vgl. das Schaubild Die Balance des gesunden Lebens)

Damit werden sie einerseits in einem gesunden Sinn zu den transsaturnalen Energien des Lebensgrundes, die das menschliche Verhalten grundlegend steuern, und erklären andererseits auch die neurotischen Verhaltensmuster von Opfer, Retter, Verfolger und Chaot, die von der Transaktionsanalyse beschrieben werden.

(vgl. das Schaubild Die neurotische Struktur der Lebensrollen)

Löst man sich aus der zwangshaften Fixierung an esoterische Vorstellungen und nimmt man Uranus, Neptun und Pluto als Symbole für ganz normale menschliche Persönlichkeitsanteile, die allerdings den tiefsten Grund der Persönlichkeit bestimmen, dann gewinnt man auch eine ganz neue Einsicht in die Ursache von Krankheiten.

Nach meiner Astrologie sind Uranus und Neptun wie zwei Schalter, die das ganze Horoskop in Richtung Yang bzw. Yin bewegen. Aus diesem Grund ist die ausgeglichene Balance zwischen Neptun und Uranus die notwendige Bedingung für die Gesundheit eines Menschen. Das bedeutet andersherum gesagt: Es dürfte keine Verrücktheit und auch keine (chronische) körperliche Krankheit geben, deren tiefster Grund nicht in einer schweren Disharmonie zwischen diesen beiden Planetenenergien zu suchen ist.

Die Spannungen zwischen Neptun und Uranus sind dann besonders stark, wenn die beiden Energien unmittelbar aufeinander treffen. Am schwierigsten ist eine Balance zu leben, wenn es sich bei dieser Spannung um einen genauen Quadrat-, Halbquadrat- oder Anderthalbquadrat-Aspekt handelt, der durch skorpionische Energien zusätzlich ins Extrem gezogen wird. Aber auch ein verdecktes Aufeinandertreffen dieser Energien, wenn etwa ein und dieselbe Energie im Horokop nach dem Astrologischen Alphabet zugleich von Neptun und Uranus besetzt wird, bedeutet eine große Herausforderung (z.B. Mars Quadrat Uranus und Neptun am Aszendenten).

Die heutige Zeit der Postmoderne ist gekennzeichnet durch eine Uranus-Neptun-Konjunktion (1993 im Steinbock) mit anschließender und noch lange andauernder Rezeption von Neptun in Wassermann und Uranus in den Fischen. Wir werden bis 2011 diese (verdeckte) Uranus-Neptun-Konjunktion behalten, mit all den Problemen, die sich daraus in persönlichen Biographien und in der politischen Entwicklung der Gesellschaft ergeben.

Unter der Voraussetzung, daß die uranische Energie weiterhin übertrieben eingesetzt wird und die neptunische Energie ein Schattendasein führt, werden sich die aggressiven Phänomene unserer Zeit (Verfolgung und Chaotik) verschlimmern. Es geht immer darum, daß mit großer Eigenwilligkeit (Uranus) Illusionen und Träume (Neptun) von einer besseren Welt entweder selbst gelebt oder anderen aufgezwungen werden, oft mit einer solchen Radikalität (Pluto), daß dabei die Auflösung (Neptun) der eigenen Körperlichkeit (Uranus) bewußt in Kauf genommen wird.

(vgl. den Text Die astrologische Zeitqualität)

So erklären sich letztlich das zunehmende Suchtverhalten in unserer Gesellschaft und das zwanghafte Verlangen nach verrückten Action-Erlebnissen, aber auch die wütenden Amokläufe von frustrierten Menschen und der politische Fanatismus von Terroristen, die sich selbst als lebende Bomben ins Ziel steuern.

(vgl. das Schaubild Die eindimensionale Moral)

Der Selbstmord in unterschiedlicher Gestalt und aus unterschiedlicher Motivation wird zum Indikator der Postmoderne.

Menschen mit mystischen Erfahrungen (z.B. Dürckheim) haben immer wieder darauf aufmerksam gemacht, daß der Weg in die ekstatische Verschmelzung mit dem göttlichen Daseinsgrund eine letzte Leere im Menschen zur Voraussetzung hat. Der Mensch muß sich von allem frei machen, ehe er sich seinem Gott überantworten kann. Es handelt sich hier aber um nichts anderes als um die vollkommene Balance zwischen Neptun und Uranus, die gefordert wird, denn die Leere (Neptun) ist offensichtlich die entscheidende Bedingung für die religiöse Ekstase (Uranus). Sie ist aber so schwierig zu leben, daß auf dem mystischen Weg der Absturz in die Psychose droht.

Wen wundert es, daß sich der Mensch dabei immer wieder in die Eigenwilligkeit (Uranus) verirrt und eine letzte Gelassenheit (Neptun/Saturn) im Konflikt zwischen Neptun und Uranus zu vermeiden sucht. Eigenwillig handeln z.B. die Fundamentalisten aller Religionen, wenn sie mit einer fanatischen Energie (Skorpion) versuchen, die exoterischen (äußeren) Erscheinungsformen von Religiösität zu verabsolutieren. Zeremonien und Rituale, Traditionen und vor allem eine strikte Befolgung bestimmter Gebote werden zum alleinigen Maßstab für die Erlösung gemacht. Hier wird die neptunische Energie der uranischen untergeordnet und damit zugleich (teilweise) verdrängt, denn Neptun will den Menschen eigentlich in die Verinnerlichung führen.

Eigenwillig (Uranus) handeln aber auch die Esoteriker, wenn sie behaupten, sie könnten den Weg nach innen (Neptun) ganz allein beschreiten.

Der Esoteriker ist im Grunde kein demütiger Mensch. Demütig sein bedeutet, sich so zu sehen, wie man ist: Der Mensch ist eingespannt zwischen einer grenzenlosen Sehnsucht nach Erlösung und (als Geschöpf dieser Erde) nur sehr begrenzten endlichen Möglichkeiten zur Selbstvervollkommnung. Es ist die Hybris aller Esoteriker, daß sie versuchen, diese vom Menschen her unlösbare Spannung eigenmächtig aufzulösen.

Die Esoteriker warnen zwar ständig vor der Problematik des Ego, aber sie sind im Grunde viel schlimmer als die von ihnen mehr oder weniger verachteten exoterisch lebenden Menschen, deren Ego im Materialismus stecken geblieben ist. Mit einem letzten metaphysischen Trotz (Uranus) versuchen sie, der Kränkung (Neptun) ihres Ego zu entkommen, indem sie sich an die Stelle Gottes setzen und selbstherrlich (Uranus) behaupten, ihre Erlösung (Neptun) in die eigene Hand nehmen zu können.

In diesem Zusammenhang wird viel von "Verantwortung für die persönliche spirituelle Entwicklung" geredet, aber die Esoteriker benehmen sich eher wie Kinder, die ihr wenig entwickeltes Selbstwertgefühl und ihre mangelhafte Ich-Stärke ersatzweise mit unbewiesenen übersinnlichen Erlebnissen aufblasen. Oft unfähig, die normalen Anforderungen des Alltags in Beziehung und Beruf durchzuhalten, geben sie vor, dafür in Kontakt mit ihrem "Höheren Selbst" zu sein, was natürlich ungleich wertvoller ist und sie gleichzeitig gegenüber ihren Mitmenschen überlegen erscheinen läßt.

Da es unmöglich ist, in dieser Welt den Beweis dafür zu liefern, daß der esoterische Erlösungsweg wirklich funktioniert, müssen die Esoteriker ihre Zuflucht zu Zwischenwelten und Wiedergeburten (Reinkarnation) nehmen, deren Existenz nicht nachprüfbar ist. Erleuchtete Gurus und große "Eingeweihte", aufgestiegene "Meister" und Engelwesen werden deshalb zu Zeugen, die mit ihren "Durchsagen" aus dem Jenseits dem esoterischen Fußvolk die Geheimlehren glaubwürdig machen sollen.

Leider finden die esoterischen Überzeugungen heute auch bei Astrologen ihre Anhänger, und zwar in zunehmendem Maße. Der normale Psychologische Astrologe ist für solche "Eingeweihte" nur noch ein armseliger "Handwerker", dem in seiner Unerleuchtetheit die höheren Weihen einer Esoterischen Astrologie verschlossen geblieben sind. Und so gerät die Astrologie, die sich zu Anfang des 20. Jahrhundert als Psychologische Astrologie und Werkzeug der Selbsterkenntnis gerade von der traditionellen Wahrsagerei emanzipiert hat (Revidierte Klassik), heute in eine neue Abhängigkeit in Form einer kosmischen Erlösungslehre.

Ich bin zwar auch der Meinung, daß die Astrologie aus einem weltanschaulichen Hintergrund heraus praktiziert werden muß, weil sie es mit dem ganzen Menschen zu tun hat, der immer ein Wesen bleibt, das zur Transzendenz berufen ist. Bei der Esoterischen Astrologie handelt es sich aber um einen eigenmächtigen Glauben, der dem jüdisch-christlichen Menschenbild fundamental widerspricht. Der Protest vieler Astrologen gegen die Mißstände in den christlichen Kirchen mag verständlich sein, aber der dafür angebotete Erlösungsweg (unter freier Verwendung von fernöstlichen religiösen Vorstellungen) bringt am Ende keine bessere Religion, sondern die Abhängigkeit von einem irrationalen, von Menschen gemachten Aberglauben ohne wirkliche Hilfe für die Bewältigung des Lebens. Die jüdisch-christliche Religion ist wenigstens so ehrlich, den Menschen nicht größer zu machen als er ist.

Was ich darüber hinaus der Esoterischen Astrologie als Psychologischer Astrologe vorwerfe, ist vor allem ihre Anmaßung, aus der Astrologie selbst einen ganz bestimmten Weg in die Transzendenz ableiten zu können, indem einzelne Deutungsfaktoren des Horoskops (z.B. Mondknotenachse, rückläufiger Saturn) mit einem transzendenten Inhalt versehen werden. Eine solche Interpretation halte ich für grundfalsch.

Der Versuch, die Astrologie mit einer gewissen Selbstverständlichkeit mit der Esoterik verbinden zu wollen, ist ein Irrweg, der zwei Gefahren mit sich bringt: Einmal wird eine solche Astrologie unfähig, eine stimmige Psychologische Astrologie zu entwickeln, und das vor allem durch eine Fehleinschätzung der transsaturnalen Energien von Uranus, Neptun und Pluto, die ihre "eigentliche" Bedeutung nach Ansicht der Esoteriker ja erst im "kosmischen" und "überpersönlichen" Zusammenhang bekommen - was immer das heißen mag. Zum anderen verspielt die Psychologische Astrologie ihre Glaubwürdigkeit in der modernen Gesellschaft, und zwar im Vergleich mit anderen psychologischen Disziplinen, denen sie sich gern als ganz eigene Methode der Lebens- und Konfliktberatung an die Seite stellen möchte - und ich meine, das sollte allen Psychologischen Astrologen zu denken geben.

Rolf Freitag, Schule für Psychologische Astrologie in Heiligenhaus, 2011

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