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Astrologie und christliche Religion

Selbsterkenntnis oder Weltanschauung?

These 1:

Astrologie und christliche Religion können produktiv zusammenarbeiten, wenn einerseits die Astrologie nicht als eine Form des Vorauswissens mit der Möglichkeit der Befreiung vom Schicksalszwang und andererseits die Religion nicht nur als ein System von überlieferten Glaubenssätzen und gottesdienstlichen Zeremonien verstanden wird.

Die Astrologie ist ein ausgezeichnetes Werkzeug der Selbsterkenntnis. Sie ist aber kein Religionsersatz. Der Mensch kann auch mit Hilfe der Astrologie sein Leben nicht vorherwissen und er darf nicht versuchen, sich durch Manipulation bzw. Beschwörung der astrologischen Energien gewissermaßen selbst zu erlösen.

Die Mehrheit der praktizierenden Astrologen versucht sicher auch heute noch, künftige Ereignisse vorauszusagen. Es gibt sogar solche Astrologen, die sich zum Herrn über die Energien, die die astrologischen Symbole beschreiben, aufschwingen wollen. In selbstherrlicher Weise wird eine Art astrologischer Magie mit dem Ziel betrieben, sich ein sorgenfreies und glückliches Leben mit geheimem Wissen zurechtzubasteln.

Vom Standpunkt der Religion muß eine so verstandene Astrologie entschieden zurückgewiesen werden. Sie ist nichts anderes als moderner Götzendienst, wenn sie versucht, den Menschen auf ihre Weise zum Maß aller Dinge zu machen.

Damit steht sie paradoxerweise genau in einer Linie mit der modernen Naturwissenschaft, die dasselbe Ziel nur mit anderen Methoden verfolgt. Die Naturwissenschaft, die sich gern als Wissenschaft schlechthin versteht, geht unausgesprochen von der Maxime aus, daß sie die Menschheit mit ihren Methoden irgendwann von allen Übeln, vor allem von Krankheit und Tod, befreien kann. Eine Astrologie, die vom christlichen Standpunkt verantwortet werden kann, faßt die astrologischen Energien dagegen als Schöpfung auf, durch die dem Menschen Begabungen gegeben werden, die ihn gleichzeitig herausfordern, sich bestimmten Aufgaben zu stellen.

Die Astrologie kann das Staunen über das Wunderwerk der Schöpfung lehren. Daß sich menschliche Begabungen symbolisch an einer Art Himmelsuhr ablesen lasssen, daß konkrete Ereignisse zwar nicht vorhergewußt, im nachhinein aber zu bestimmten Planetenstellungen in Beziehung gebracht werden können, so daß die dahinterliegende Bedeutung sichtbar wird, muß eigentlich jeden Menschen mit Ehrfurcht und tiefer Bewunderung erfüllen.

Es scheint so zu sein, daß der Schöpfer seine Welt so eingerichtet hat, daß die himmlischen Symbole uns Menschen auf der Erde zu einer Orientierungshilfe werden können, wenn wir sie richtig zu lesen verstehen. Dafür ist vor allem Demut notwendig, denn die Kompliziertheit und Vielfalt der astronomischen Konstellationen übersteigt, wenn wir sie psychologisch interpretieren wollen, immer unser Begreifen und unseren Verstand.

Die Astrologie kann den Menschen außerdem zur Toleranz führen. Wenn die Astrologie behauptet, daß sich menschliches Leben auf 12 Grundenergien aufbaut und daß diese Energien durch die Planeten, Zeichen und Häuser repräsentiert werden, dann sagt sie gleichzeitig, daß jeder Mensch an allen 12 Energien mit ihren Verknüpfungen Anteil hat, denn in jedem Geburtshoroskop wird das aktuelle astronomische System eingezeichnet. Und das astronomische System, das die Astrologie zu deuten versucht, steht an jedem Tag, seit unsere Welt existiert, absolut vollständig und gleich gut am Himmel. Die Planeten haben zwar verschiedene Positionen im Tierkreis und in den astrologischen Häusern und sie sind auf vielfältige Weise miteinander verbunden (Aspekte), die Summe dieser Energien muß aber bei allen Menschen gleich sein, auch wenn viele Menschen Schwierigkeiten haben, ihr Potential zur Geltung zu bringen.

Insofern hat niemand Grund, andere Menschen zu beneiden oder über sich selbst unglücklich zu sein. Das, was die Religion sagt, nämlich daß wir Menschen alle Brüder sind und nur einer unser Meister ist, nämlich Christus, wird von der Astrologie mit Hilfe des Horoskops bestätigt. Damit wird die Toleranz aus einer bloß gehorsamen christlichen Haltung herausgeführt. Sie kann gewissermaßen astro-logisch als die allein angemessene Einstellung der Menschen zueinander begründet werden.

Die alte Astrologie sah - wie gesagt - die astrologischen Energien vor allem als konkrete Ereignisse, die sich durch die Interpretation von Sternenkonstellationen vorauswissen lassen. Sie wollte damit die Menschen in die Lage versetzen, sich rechtzeitig auf ein bestimmtes Schicksal einzustellen bzw. diesem Schicksal aus dem Weg zu gehen.

Die neue Astrologie seit Anfang des 20. Jahrhunderts verlagerte die astrologischen Energien nach innen und sieht sie als ein Begabungspotential. Dieses Begabungspotential hat der Mensch durch freie Entscheidungen im Laufe seines Lebens zu verwirklichen. Er gewinnt dabei aber keine Macht über sein Schicksal, sondern muß vielmehr seine Begabungen und Bedürfnisse unter Berücksichtigung der Lebensumstände, die ihn treffen, zur Geltung bringen. Die Astrologie wird damit von einer Wahrsagerei zu einem Werkzeug der Psychologie.

Eine ganz ähnliche Veränderung hat auch die Religiösität erfahren. Die traditionelle Religion verstand Frömmigkeit hauptsächlich als unbedingtes Festhalten an dogmatisch formulierten Glaubenssätzen zusammen mit striktem Gehorsam gegenüber moralischen Normen und von der Kirche erlassenen Geboten. Wichtig für das Frömmigkeitsleben war die regelmäßige Durchführung von genau vorgeschriebenen gottesdienstlichen Verrichtungen und kultischen Zeremonien. Die religiösen Autoritäten (Papst und Bischöfe) definierten das Glaubensleben und verhängten unter Umständen drastische Strafen gegenüber Andersdenkenden (Exkommunikation / Inquisition).

Die moderne Religiösität ist erst im Werden begriffen. Ihre Eckpunkte sind die persönliche Gotteserfahrung und das daraus resultierende autonome Gewissen.

Das Liebesgebot zu Gott, zum Nächsten, aber auch zur eigenen Selbstverwirklichung werden in Zukunft die Glaubenspraxis mehr bestimmen als überlieferte moralische Normen. Der moderne Mensch fühlt sich mehr und mehr ermächtigt, einen ganz persönlichen und unableitbar-einmaligen Heilsweg zu beschreiten. Experimentelle Lebenserfahrungen werden zunehmend wichtiger und werden gleichberechtigt neben ein Leben aus Gehorsam und Verzicht treten. Die Religion geht damit den Weg von der Exoterik zur Esoterik.

Aus all dem folgt, daß ein äußerliches Verständnis von Religion als Ansammlung von tradierten Glaubenssätzen und moralischen Geboten und ein äußerliches Verständnis von Astrologie, das meint, das Leben vorauswissen und zwingen zu können, miteinander in Konflikt kommen müssen. Eine Psychologische Astrologie und eine verinnerlichte Religiösität können dagegen produktiv zusammenarbeiten.

These 2:

Die Religion ergänzt die Astrologie, indem sie die Existenz der transzendenten Tiefe des Lebens offenbart und die Notwendigkeit von Schmerz und Leid (Kreuz) erklärt, wenn es darum geht, diese tiefere Lebensebene zu erreichen.

Die Astrologie gibt keine Auskunft, auf welcher Manifestationsebene die Energien eines Horoskops gelebt werden. Sie sagt nicht einmal, welche Manifestationsebenen es gibt. Insofern kann auch ein Horoskop nicht richtig interpretiert werden, ohne daß der Klient danach gefragt wird, auf welcher Ebene er seine Energien verwirklicht. Es gibt zwar Astrologen, die meinen, aus der Stellung der Planeten in den Quadranten des Horoskops herauslesen zu können, auf welcher Ebene sich diese Energien manifestieren (1. Quadrant = Körper, 2. Quadrant = Seele, 3. Quadrant = Geist, 4. Quadrant = Transzendenz). Ich halte aber diese Art von Astrologie für falsch.

Die astrologischen Energien beschreiben in einer umfassenden Weise die Wirklichkeit des Lebens auf allen seinen Stufen. An keiner Stelle des Horoskops darf der Astrologe deshalb bestimmte Energien ungefragt mit einer bestimmten Lebensebene identifizieren.

Welche Manifestationsebenen es gibt, erkennt der Mensch, indem er das Leben betrachtet und über dessen Erscheinungsformen nachdenkt. Dabei werden gewöhnlich folgende Wirklichkeitsbereiche unterschieden: unbelebte Materie, Pflanzen, Tiere und der Mensch. Im Menschen selbst sind aber die untermenschlichen Ebenen, wenn auch in abgewandelter Form, ebenfalls vorhanden. Sie sollen von seiner geistig-seelischen Ebene - der eigentlich menschlichen Ebene - in den Dienst genommen und überformt werden. Der Mensch ist also trotz seiner seelisch-geistigen Fähigkeiten immer auch ein Kind der Erde.

Durch philosophische Überlegungen ist es dem Menschen nun möglich zu erkennen, daß es darüber hinaus eine Ebene des Lebens geben muß, die seine Möglichkeiten und sein Begreifen radikal übersteigt, nämlich die Ebene der Transzendenz. Letzte Sicherheit findet der Mensch allerdings erst durch die religiöse Offenbarung, die die Existenz Gottes bestätigt und über sein Wesen, die Beschaffenheit der Schöpfung und den göttlichen Heilsplan Auskunft gibt.

Durch die Offenbarung erfährt der Mensch, daß Gott nicht nur das ferne, absolute Sein der Philosophen ist, sondern der lebendige, personale Gott, der ihn von außen anfordert und bestrafen kann (Gott Vater), der mit ihm das Schicksal dieser Welt geteilt hat (Gott Sohn) und der ihm schließlich innerlicher ist als er sich selbst und damit sein tiefstes Sehnen und Hoffen bewirkt (Gott Heiliger Geist). Die Wirklichkeit Gottes gehört zum Sein des Menschen.

Insofern ist also der Mensch doppelten Ursprungs: er ist mit seiner Geistseele eingespannt zwischen Erde und Himmel, zwischen sichtbarer Materie und unsichtbarer Transzendenz. Für eine astrologische Interpretation eines Horoskops bedeutet diese Wahrheit, daß sich die dort beschriebenen Energien im Menschen ebenfalls nicht nur auf der körperlich-vitalen und der geistig-seelischen, sondern sogar auf der unsichtbar-transzendenten Ebene verwirklichen können und auch sollen. Jede Ebene im Menschen fordert ihr Recht, und das Horoskop gilt gleichermaßen für organische, körperlich-vitale, geistig-seelische und spirituell-religiöse Bedürfnisse.

Damit verbindet sich die schwierige Aufgabe für den Menschen, die Energien seines Horoskops nicht nur untereinander auf einer horizontalen Ebene, sondern zugleich auch auf der vertikalen Ebene seines Lebens in eine Balance zu bringen.

Es lassen sich nun vor allem zwei Extreme erkennen: Im vergangenen Fische-Zeitalter wurde die Bedeutung der Diesseitigkeit nicht ernst genug genommen und damit die Transzendenz fanatisch übersteigert (Teufels- und Dämonenglaube, Höllenangst, Weltflucht, Selbstaufopferung, Ideal des Martyrium).

Im aktuellen Wassermann-Zeitalter wird das Vorhandensein der Transzendenz mehr und mehr geleugnet und damit konsequenterweise die Diesseitigkeit fanatisch übersteigert (Technik, Wirtschaft, Konsum, Körperkult, Leistungssport, Streben nach Lust und Spaß).

(vgl. den Text Thesen zum Wassermannzeitalter)

Die christliche Religion stellt einerseits unmißverständlich fest, daß der Mensch eine ewige Heimat besitzt, der er auf dieser Erde entgegenwandert. Er ist also immer auf eine absolute Zukunft verwiesen, die allein Gott in seiner Macht heraufführen kann.

Die christliche Religion sagt aber andererseits auch, daß der Mensch trotzdem ein Kind dieser Erde bleibt, die ihn zunächst prägt und die er mit seinen vital-körperlichen und seelisch-geistigen Bedürfnissen mitgestalten soll. Sie sagt schließlich darüber hinaus, daß der Mensch bei seinem Mitschöpfertum den unmittelbaren Kontakt zu seinem Schöpfer verloren hat und daß diese Eigenmächtigkeit die eigentliche Sünde des Menschen ist.

Seine Erlösungsbedürftigkeit zeigt sich ganz praktisch in den neurotischen Schieflagen, die das menschliche Leben bestimmen, weil der Mensch nicht mehr aus seiner religiösen Mitte lebt, sondern sich selbst zum Maß aller Dinge gemacht hat. Neurosen sind nichts anderes als eigenmächtige Übertreibungen einzelner Energien auf Kosten von entsprechenden Untertreibungen anderer Energien, die damit das gesunde Leben, so wie es von Gott gemeint ist und wie es auch der astrologische Tierkreis in seiner Harmonie zeigt, aus der Balance bringen.

Die Erlösung des Menschen besteht darin, daß er wieder Zugang zu seiner transzendenten Ebene gewinnt, die objektiv gesehen sein ganzes Leben trägt und seine ewige Hoffnung bestimmt. Damit werden gleichzeitig alle anderen Bedürfnisse des Menschen, die er zunächst in einer neurotischen Schieflage befriedigt hat, in einer neuen und harmonischen Weise mitgeordnet.

Der Zugang zur Transzendenz darf allerdings nicht eigenmächtig in Form einer sich ständig überbietenden Bewußtseinserweiterung gesucht werden, wie es die Esoterische Astrologie behauptet. Hier würde man von dem menschlichen Bewußtsein viel zu viel erwarten und ihm zuletzt eine göttliche Qualität zuerkennen.

Der christliche Weg zur Vervollkommnung ist ein anderer: Da es tiefe Gefühlsbarrieren sind, die sich in der frühen Kindheit und vielleicht sogar schon in der vorgeburtlichen Entwicklungsphase gebildet haben, die diese letzte und entscheidende Hingabe des Menschen an seinen Schöpfer blockieren, muß der Mensch durch Schmerz und tiefes Leid geben, um diese Barrieren wieder abzutragen. Die Astrologie darf sich also nicht einbilden, daß sie durch ihr Wissen das Kreuz aus der Welt schaffen kann. Sie kann helfen, mit Hilfe der Interpretation des Horoskops ein Bewußtsein dafür zu schaffen, welche Energiekonstellationen aufgrund elterlicher Erziehungseinflüsse wahrscheinlich einer Harmonie im Wege stehen. Sie kann auch dort eine Einsicht vermitteln, wo es gilt, Schicksalsschlägen und persönlichen Katastrophen einen positiven Sinn abzugewinnen. Sie darf sich aber nicht dem Leben selbst in den Weg stellen.

Die Ungereimtheiten und Frustrationen des Lebens müssen erlitten werden, weil sie die einzige Medizin gegen die Selbstherrlichkeit des Menschen sind. Ohne die demütige Annahme von Kreuz und Leid wird kein Mensch gesund. Die Astrologie kann einen solchen schweren Weg begleiten und erhellen. Sie kann ihn aber nicht ersetzen.

These 3:

Die Astrologie unterstützt die Religion, indem sie vor allem die Ebene der menschlichen Bedürfnisse in einer umfassenden Weise beschreibt und damit eine Selbsterkenntnis ermöglicht, die die menschliche Selbstverwirklichung gleichberechtigt neben die christliche Nächstenliebe stellt.

Die astrologischen Energien beschreiben in einer umfassenden Weise die Wirklichkeit des Lebens. Die 12 Grundenergien mit ihren vielfältigen Vermischungen und dem Anspruch einer gleichberechtigten Balance haben eine Gültigkeit für alle Lebensebenen. Sie gelten damit auch für die Wirklichkeit Gottes selbst, wenn auch in einer letzten Einfachheit und Grenzenlosigkeit.

Wenn der Mensch nun im Glauben die Wirklichkeit Gottes annimmt, dann ist es nur konsequent, wenn er sich zugleich mit der Schöpfung Gottes identifiziert. Insofern gehören Gott und Mitmensch, also Gottesliebe und Nächstenliebe zusammen. Das ist eigentlich für jeden Christen eine Selbstverständlichkeit. Die entscheidende Frage ist aber heute, wie die Selbstliebe, bzw. modern gesprochen die Selbstverwirklichung, mit der Nächstenliebe zusammengehen kann.

Im Neuen Testament heißt es: Liebe Deinen Nächsten wie dich selbst! Es stellt sich hier das theologische Problem, ob die Liebe zwischen dem Nächsten und dem eigenen Ich zu gleichen Hälften aufgeteilt werden muß oder ob die Nächstenliebe allein schon die Konsequenz der richtig verstandenen christlichen Selbstverwirklichung ist. Sind vielleicht Nächstenliebe und Selbstverwirklichung für den Christen ein und derselbe Akt, indem er gerade auf dem Umweg über die Nächstenliebe seine eigene Selbstverwirklichung am besten fördert? Es lässt sich nicht bestreiten, daß in der Tradition der kirchlichen Moral überwiegend dieser Standpunkt vertreten worden ist. Man denke nur an den Spruch: "Und die Freude, die wir geben, kehrt ins eigne Herz zurück."

Diesen Standpunkt halte ich nun für einseitig und insofern für falsch. Ich meine, daß gerade er mit dazu beigetragen hat, daß die egozentrische Selbstverwirklichung in der modernen säkularisierten Gesellschaft fanatisch narzißtische Formen angenommen hat. Traditionelle Religion und moderne Gesellschaft stehen sich damit extrem feindlich gegenüber.

Meiner Meinung nach darf der Mensch seine Begabungen, die ja schließlich die ihm von Gott geschenkten Talente darstellen, nicht der Nächstenliebe einfach aufopfern. Daß das in früheren Zeiten so üblich gewesen ist, lag vor allem an den damaligen statischen Verhältnissen einer Agrargesellschaft, die für die persönliche Entfaltung der Menschen keinen Spielraum hatte. In der modernen Gesellschaft gibt es aber große Freiheitsräume, und der moderne Mensch hat zu Recht das Gefühl, daß er sie nutzen darf.

Der Zusammenhang von Nächstenliebe und Selbstverwirklichung muß also neu überlegt werden. Grundsätzlich betrachtet, sind drei Verhaltensweisen möglich:

Diese Überlegungen werden nun durch die Astrologie gestützt. Der Tierkreis zeigt, daß die Wassermann-Energie, die die Selbstverwirklichung symbolisiert, gleichberechtigt neben der Fische-Energie steht, die als Energie der Nächstenliebe gilt. Sie kann nicht durch diese Energie vertreten werden, sondern muß mit ihr ausbalanciert werden. Von der Astrologie läßt sich also ablesen, daß Nächstenliebe und Selbstverwirklichung jeweils eigene Akte des Menschen sein müssen.

Wird die Liebesfähigkeit, die astrologisch gesehen der Skorpion-Energie (emotionale Bindung) entspricht, zu einseitig mit der Fische-Energie verbunden, dann führt das zu einer Gottesliebe, die die eigenen Bedürfnisse mißachtet. Es entwickelt sich eine fundamentalistische Religiösität, die sich allein auf äußerliche moralische Gebote und gottesdienstliche Zeremonien konzentriert, das Jenseits über das Diesseits stellt und vom Menschen extreme Unterwerfung verlangt. Außerdem wird die Welt mit ihren Vergnügungen geradezu verteufelt, insbesondere die Sexualität.

Wird dagegen die Wassermann-Energie in den Vordergrund gestellt, dann wird aus der Liebesfähigkeit (Skorpion) eine radikale Selbst- und Weltliebe, die den eigenmächtigen Lust- und Spaßgewinn zum alleinigen Glücksmaßstab macht. Das Jenseits wird geleugnet und das Diesseits in all seinen Facetten (Körper, Sex, Sport, Jugend, Wirtschaft, Geld, Karriere usw.) zum Götzen gemacht.

Die Gottesliebe muß sich also in der Welt auf doppelt eigenständige Weise bezeugen: Einmal in der Weise der Nächstenliebe (Rücksicht und Hilfsbereitschaft), zum anderen aber auch und gleichberechtigt in der Weise der Selbstliebe (Zielstrebigkeit und Lebensfreude). Nur so können neurotische Übertreibungen bzw. Untertreibungen vermieden werden, die immer dann besonders schlimm und unheilbar sind, wenn sie mit einer religiösen Überzeugung einhergehen.

(vgl. das Schaubild Die Formen der Liebe)

These 4:

Die Balance der vier gesunden Lebensgrundeinstellungen von Rücksicht, Hilfsbereitschaft, Zielstrebigkeit und Selbstdarstellung ermöglicht die Integration des Horoskops und damit ein Leben aus der Mitte. Das ist die innerweltliche Voraussetzung dafür, daß sich das Tor zu einer Erfahrung der transzendenten Wirklichkeit Gottes öffnet.

Die Astrologie stellt die 12 Grundenergien in einem Kreis (dem Horoskop) dar. Da die Energien alle gleichberechtigt sind, bedeutet eine solche Darstellung nichts anderes als die Aufforderung, die Mitte zu suchen, denn allein aus der Mitte heraus kann man jeder Energie gerecht werden. Die Astrologie beschreibt damit - ähnlich wie die Religion - eine sittliche Herausforderung, nämlich die, das rechte Maß zu leben und keine Energie zu übertreiben bzw. zu verdrängen.

Der Mensch wird praktisch aufgefordert, an nichts zu haften, denn keine Energie ist so wichtig, daß an ihr allein die Seligkeit hängt. Er soll so leben, daß sich die Energien nach den Anforderungen des Lebens und seinen eigenen Bedürfnissen reibungslos abwechseln können und das Rad des Lebens ständig in Bewegung bleibt.

Eine solche Lebensweise entspricht der Bedürfnislosigkeit der buddhistischen Lehre oder der christlichen Tugend der Gelassenheit. Gelingt es dem Menschen, in die Nähe einer solchen Haltung zu gelangen, dann wird er feststellen, daß er nicht nur mit dem Leben besser zurechtkommt, sondern daß sich in ihm gleichzeitig eine innere Tür öffnet, wodurch er Zutritt bekommt zu seinem verborgenen göttlichen Grund. Er erfährt die inwendige Transzendenz, die das letzte Fundament einer jeden Persönlichkeit ist.

Diese immanente Transzendenz ist nichts anderes als die Wirklichkeit Gottes selbst. Sie ist kein Teil der geschaffenen astrologischen Energien und gehört insofern nicht zum Horoskop. Sie steht gewissermaßen hinter dem Horoskop als sein tragender Grund. Trotzdem wirkt sie sich aber direkt auf die geschaffene Wirklichkeit aus, indem sie die Persönlichkeitsanteile, wie sie das Horoskop beschreibt, in eine vollständige Harmonie bringt und sie gleichzeitig mit ihrem göttlichen Glanz durchleuchtet.

Die Lehre der Astrologie weist also auch den Weg zur Mystik. Mystische Erfahrungen werden eben nicht einfach dadurch möglich, daß sich der Mensch permanent verinnerlicht. Hier könnte das (traditionelle) Mißverständnis auftreten, daß vor allem die neptunische Seite des Lebens wichtig ist. Es geht vielmehr um die Balance von Neptun (Verinnerlichung) und Wassermann (Veräußerlichung), bzw. um die Harmonie von Yin und Yang, die uns die Tür nach innen öffnet, wo die transzendente Wirklichkeit Gottes auf uns wartet.

Die Energien von Neptun und Uranus sind nach meiner Psychologischen Astrologie wie Schalter, die die übrigen Energien des Tierkreises zu bestimmten Rollen formen. In Anlehnung an die Transaktionsanalyse unterscheide ich die Rollen von Opfer, Retter, Verfolger und Chaot. Hinter diesen Rollen stehen aber die vier gesunden Lebensgrundeinstellungen von Rücksicht (Anpassung), Hilfsbereitschaft, Zielstrebigkeit und Selbstdarstellung (Erfindung). Diese gesunden Verhaltensweisen müssen entwickelt und in eine vollständige Harmonie zueinander gebracht werden. Das ist, wie gesagt, nur möglich, wenn der Mensch gleichzeitig die Verbindung zu seinem transzendenten Grund gefunden hat.

Hier muß nun mit allem Nachdruck betont werden, daß dieser Prozeß nicht als eine eigenmächtige Leistung des Menschen verstanden werden darf, die er durch ein besonderes Wissen, etwa durch Astrologie, allein zustande bringt. Gerade die Esoterische Astrologie erweckt den Eindruck, als könne der Mensch durch eine sich ständig überbietende Bewußtseinserweiterung - vor allem über die Energien von Uranus, Neptun und Pluto ("Höhere Dreiheit") - gewissermaßen in die Transzendenz "hineinklettern". Eine solche Möglichkeit gibt es nach meiner Astrologie nicht.

Es geht vielmehr um einen Prozeß der gnadenhaften Verwandlung und Läuterung, der dadurch zustandekommt, daß sich der Mensch den Energien überläßt, die ihm inwendig geschenkt werden (Progressionen und Transite) und gleichzeitig den Ereignissen von außen standhält, die ihn herausfordern. Das Leben selbst mit seinen Frustrationen und mit seinem Leid formt ihn so langsam zu der Gestalt, die der immanenten Transzendenz nicht mehr im Weg steht.

So können wir zwei Lebensabschnitte unterscheiden: Im ersten Lebensabschnitt entwickelt der Mensch zunächst unter dem starken Einfluß des Elternhauses sein bewußtes "Ich". Die unvermeidlichen Fehlentscheidungen des kleinen Kindes, die auch die Eigenmächtigkeit des Elternhauses dem Leben gegenüber bezeugen, führen dabei zu einer neurotischen Schieflage der Persönlichkeit und damit zur Herausbildung des Lebensskripts mit den vier Lebensrollen von Opfer, Retter, Verfolger und Chaot. Das Lebensskript entfernt ihn gleichzeitig von der Erfahrung seiner inwendigen Transzendenz.

Im zweiten Lebensabschnitt - nach der Krise in der Lebensmitte - soll sich der Mensch aber mit Bewußtheit seinem göttlichen Ursprung wieder zuwenden und für die inwendige Transzendenz langsam durchlässiger werden. Man erkennt diese Durchlässigkeit daran, daß der Mensch trotz stabiler Verantwortlichkeit an nichts anhaftet und, was immer er tut, alles mit einer gewissen Vorläufigkeit lebt. Mit dieser Haltung werden schließlich die neurotischen Lebensrollen überwunden und als gesunde Lebensgrundeinstellungen in eine neue Harmonie und Balance gebracht.

Eine solche Religiösität, die sich nicht nur auf Gehorsam stützt, sondern auf eine eigene persönliche Erfahrung der Transzendenz, orientiert sich nicht mehr allein an überlieferten Glaubenssätzen und kirchlichen Geboten. Sie geht darüber hinaus und bekennt sich zu einem ganz eigenen, unableitbar-einmaligen Heilsweg und einem autonomen Gewissen, ohne damit allerdings allgemeinen (auch dogmatischen) Regelungen zu widersprechen, die für ein religiöses Zusammenleben einer Glaubensgemeinschaft einfach notwendig sind. Eine solche Religiösität verbindet auch in Form der Gleichwertigkeit das alte christliche Ideal der Nächstenliebe mit dem Anspruch des modernen Menschen auf Selbstverwirklichung.

(vgl. das Schaubild Die Dynamik des Lebens)

 

Rolf Freitag, Schule für Psychologische Astrologie in Heiligenhaus, 2011

Vervielfältigungen mit Angabe des Verfassers gestattet

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These 5 (Nachtrag 2012):

Astrologie und christliche Religion wissen beide um den Vorrang der Verinnerlichung. Sie könnten damit Seite an Seite dem modernen Zeitgeist des Neoliberalismus widersprechen.

Die christliche Religion sieht den Menschen als Geschöpf Gottes. Jeder Mensch hat also Gott zum Vater und damit seine Mitmenschen als Brüder und Schwestern. Sie alle besitzen vor Gott den geichen Wert und haben ihre unvertretbare Aufgabe in der Welt. Leistung und Erfolgsstreben, die so typisch sind für unsere neoliberale Welt, werden damit relativiert. Vorrangig für die Religion ist die Solidarität. Auch Menschen in der Opferrolle (z.B. körperlich und geistig Behinderte) nehmen daher einen gleichberechtigten Platz in der Menschheitsfamilie ein.

Die Kritik der Religion muß aber noch viel weiter gehen. In der heutigen westlichen Welt werden alle verinnerlichten Werte abgewertet oder sogar ganz geleugnet. Die Religion gilt als altmodischer Aberglaube und die Moral wird verspottet bzw. durch den Wettbewerb ersetzt. In der neoliberalen Welt kämpfen alle gegen alle. Der eigentliche Gott ist das Geld und seine modernen Propheten sind die Investmentbanker der Finanzindustrie, die sich selbstherrlich als "masters of universe" bezeichnet haben.

Hier muß die Religion ihre Stimme erheben. Die Ökonomisierung aller Lebensbereiche ist menschlich gesehen eine Katastrophe und unter religiösem Gesichtspunkt nichts anderes als Götzendienst. Reichtum ist der Todfeind der Religion, denn er fördert die Gott feindliche Eigenmächtigkeit der Menschen und stürzt die halbe Welt in bitterste Armut. Reichtum kennt keine Solidarität, denn seine Gier führt zu einem egozentrischen Tanz um das "goldene Kalb". Deshalb sollte die Religion (und die Kirchen) sich klar gegen die Reichen und Superreichen positionieren. Sie verachten die göttliche Ordnung, sie haben kein Herz für die Schwachen und Zukurzgekommenen und sie beten die sichtbaren Dinge (Materialismus) an, während die Religion von der Verinnerlichung (Glaube und Mitgefühl) lebt. Die Kirchen sollten dem Beispiel Jesu folgen und eine klare Option für die Armen aussprechen (siehe die Seligpreisungen der Bergpredigt).

Die Psychologische Astrologie sieht die Welt aus demselben Blickwinkel. Auch sie betont den Vorrang der Verinnerlichung, denn sie weiß, daß ohne Verinnerlichung keine Integration der astrologischen Energien möglich ist.

Es gibt aber in der Astrologie ein weiteres Gesetz, das in die gleiche Richtung weist: Die Astrologen sagen, je langsamer ein Planet sich auf seiner Umlaufbahn bewegt, desto tiefer wirkt die von ihm symbolisierte Energie in der menschlichen Persönlichkeit. Saturn bewegt sich z.B. langsamer als Jupiter, denn er hat die größere Entfernung von der Sonne. Das gleiche gilt für den Planeten Neptun im Verhältnis zu Uranus. Daraus folgt, daß Saturn und Neptun einen gewissen Vorrang vor Jupiter und Uranus besitzen.

Psychologisch gesehen wirkt sich dieser Vorang nun dahingehend aus, daß die tiefer liegende Energie immer den Rahmen für die höhere abgibt. Saturn und Neptun sollen also zur Begrenzung von Jupiter und Uranus werden, und das entspricht durchaus der normalen Lebenserfahrung. Verantwortung (Saturn) begrenzt demnach Unternehmungsgeist und Risikobereitschaft (Jupiter) und Solidarität (Neptun) kommt vor Freiheit und Selbstverwirklichung (Uranus). Wäre es anders, dann hätten wir ein verantwortungsloses Unternehmertum und eine rücksichtslose Selbstverwirklichung.

Genau das ist aber in der modernen kapitalistischen Welt der Fall! Das freie Unternehmertum (Uranus/Jupiter) vor allem der Finanzindustrie hat sich im Zuge einer fortschreitenden politischen Deregulierung vollkommen verselbständigt. Der Sozialstaat (Neptun/Saturn) wirkt inzwischen schwach und hilflos. Es wird sogar von wichtigen Repräsentanten lauthals verkündet, daß der Sozialstaat ein "Auslaufmodell" ist (EZB-Präsident Mario Draghi).

Hier müßten also nicht nur die Kirchen sondern auch die Psychologischen Astrologen der aktuellen neoliberalen Politik energisch widersprechen. Neptun kommt vor Uranus und Saturn hat Vorrang vor Jupiter. Die neoliberale Welt steht völlig auf dem Kopf!

Leider ist von solchen energischen Protesten nicht viel zu hören. Die christlichen Kirchen genießen in unserer Gesellschaft noch große Privilegien und wollen es offenbar mit den herrschenden Kreisen (und den sogenannten christlichen Parteien) nicht verderben. Sie scheinen sich aus Angst wegzuducken. Bei den Astrologen ist es eher ein esoterisches Desinteresse an politischen Problemen und nicht zuletzt auch einfach Unkenntnis über das System ihrer Grundenergien. Solange sie nicht imstande sind, die Energien von Neptun und Uranus begrifflich sauber zu trennen, fällt es ihnen schwer, eine vernünftige Stellungnahme im Streit zwischen "sozial" (Neptun) und "liberal" (Uranus) zu beziehen.

So triumpiert nach wie vor der neoliberale (marktradikale) Geist, der bestimmt, daß Freiheit vor Solidarität kommt und Risikobereitschaft (Spekulation) vor Verantwortung. Von notwendigen Regeln wird in politischen Kreisen zwar gesprochen, sie werden aber nicht durchgesetzt. Und so driftet die westliche Welt weiter in Richtung Barbarei. Da aber eine verrückte Welt auf Dauer keinen Bestand haben kann, ist mit härtesten Auseinandersetzungen zu rechnen. Die aktuellen Energien der Kardinalen Klimax (Uranus in Widder mit Quadrat zu Pluto in Steinbock) werden uns diese Auseinandersetzungen bringen.